Martin Walser – eine späte Lobrede

„Für Martin Walser, der behauptet, meine Lobreden seien keine Lobreden” (Widmung des Buches Lauter Lobreden von Marcel Reich-Ranicki)

„Ich habe es nie für möglich gehalten, die Seite der Beschuldigten zu verlassen.” (Martin Walser in der Paulskirche)

Walsers Friedenspreisrede 1998 wurde beklatscht, bejubelt, als befreiend empfunden. Und heftig kritisiert. Aus heutiger Sicht vielleicht ein wenig zu heftig.

Zunächst! Wenn ich „befreiend” schreibe, ist sofort nachzufragen: Wovon befreiend? Und schon ist man im Thema und in der Rede. Und bei dem Anlass der Kritik. Walser wusste, dass er vermintes Gelände betritt und sagte damals schon, er spreche „vor Kühnheit zitternd”. Zwei Punkte erscheinen mir heute noch schwer zu verteidigen: Die angebliche „Dauerpräsentation unserer Schande” und die Unterstellung, es würden „Meinungspolizisten” ihn und andere mit „vorgehaltener Moralpistole” in den „Meinungsdienst” zwingen. Das sind jeweils Argumentationsfiguren, wie sie heute nicht groß anders von der politischen Rechten vorgebracht werden, die angeblich im linksdominierten Medienjoch eingespannt sind, besser sich eingespannt fühlen. Es ist kein Wunder, dass ausgemacht diese Aspekte der Walserrede von AfDlern gern und ausgiebig ziteirt werden.

Die Kritik an der „Dauerpräsentation” gab es damals schon von Henryk M. Broder: Was hindere ihn, Martin Walser, daran, von „Guido Knopp auf Guildo Horn” umzuschalten. Und Marcel Reich-Ranicki schrieb über die „Meinungspolizisten”: „Wo sind diese Meinungssoldaten? [..] Ich kann sie nicht ausmachen.” In seiner Autobiographie monierte MRR, in Walsers Rede wimmele es von „Beschuldigungen, denen die Adressaten fehlen…” Das ist immer gefährlich, weil solche Vorwürfe Assoziationsräume öffnen, die jeder nach Gusto und ideologischer Vorprägung betreten kann. Wie oben schon erwähnt, tut das die AfD mit diesem Teil der Rede sehr ausgiebig.

Aber Walser hat viel mehr gesagt und das ging ein wenig unter:  „Könnte es sein, dass die Intellektuellen, dadurch, dass sie uns die Schande vorhalten, eine Sekunde lang der Illusion verfallen, sie hätten sich […] ein wenig entschuldigt, seien für einen Augenblick näher bei den den Opfern als bei den Tätern? Eine momentane Milderung der unerbittlichen Entgegengesetztheit von Tätern und Opfern.” Und dann folgt der oben schon zitierte Satz von der Unmöglichkeit, die Seite der Beschuldigten zu verlassen. Was ist hieran falsch? Nichts.
Hier trifft sich Walser mit Broder, der auch damals schon zu ähnlichen Befunden gelangte, als es um den merkwürdigen, aus konservativen Schichten kommenden Philosemitismus der 90er Jahre ging, der bizarrsten, historischen „Entlastungsoffensive”(Broder), die ich bis dato mitbekommen habe. Ist es verwunderlich, dass dieser bizarre Philosemitismus mittlerweile im AfD-Gewand auftaucht?
Und zu leugnen, dass das deutsche Jahrhundertverbrechen zur Durchsetzung vordergründiger Ziele als „Argument” eingesetz wurde, also instrumentalisiert wurde und wird, kommt mir heute nur noch grotesk vor. Genau das hatte damals Walser als einer der ersten in einem höchst offiziellen Rahmen zu sagen gewagt.
Schließlich stellte Walser den Wert eines öffentlich zur Schau gestellten Gewissens in Frage. Zu erinnern wäre an den Betroffenheitskult, ohne den damals nichts ging, was offizielles Gedenken genannt werden wollte. Walser dazu:
„Ein gutes Gewissen ist keins. Mit seinem Gewissen ist jeder allein. öffentliche Gewissensakte sind deshalb in der Gefahr, symbolisch zu werden.”
So ist es. Und deswegen spende ich leicht verspätet doch noch Beifall einer Rede, die nicht nur, aber eben auch Beifall verdient hat.
Falls er diesen kurzen, dezidierten Text über seine Rede überhaupt wahrnimmt, so hoffe ich doch, dass Walser in ihm eine versteckte Lobrede entdecken kann.

Porträtplastik_Martin_Walser

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4 Gedanken zu „Martin Walser – eine späte Lobrede

  1. „und die Unterstellung, es würden „Meinungspolizisten” ihn und andere mit „vorgehaltener Moralpistole” in den „Meinungsdienst” zwingen.“ Wieso fallen mir da eigentlich sofort die Grünen ein? Natürlich kann man diese Leute wegschalten – wir sind nicht in einer Diktatur. Aber deshalb ist diese entsetzliche Gruppe mit ihren Insinuierungen noch lange nicht verschwunden. Jener als Monstranz vor sich hergetragene Antifaschismus als Diskurswaffe, der in Wahrheit darauf hinaus will, die politische Richtung der Debatten zu bestimmen. Dieselben Leute, die andauernd Carolin Emcke im Munde führen und rhetorische Abrüstung fordern, aber selber bei ihren Gegnern nicht ein Stück weniger zimperlich sind, wenn es um Unterstellungen und Denunziation geht. Wie schnell ist heute der Pegida-Vorwurf zur Hand, wenn sachgemäße Kritik an Berichten der Presse zu Syrien, zu Rußland oder der Ukraine geäußert wird oder wenn jemand Merkels unsinniges „Wir schaffen das“ mal auf seine Substanz befragt.

    Kleines Gedankenexperiment: Lassen wir einen damals noch mitteljungen Mann sagen, daß ihn seinerzeit in den 70er Jahren die vielen Schwarzen in London aus den ehemaligen Kolonialgebieten irritiert hätten. Oder lassen wir jemanden im öffentlichen Diskurs-Raum den Satz aussprechen, daß es ihm in Kreuzberg, Wedding, Neukölln, in manchen Gegenden Berlins ungemütlich und unangenehm ist, weil er sich wie im Ausland fühle und er möge solche Viertel nicht. Dieser Mensch wählt weder AfD, noch hegt er mit irgendwelchen rechtsradikalen Bünden Sympathie. Doch dreimal darf geraten werden, wie wohl auf diese Äußerung reagiert wird.

    Beispiel drei: Die freie Redakteurin Barbara Eggert und der Leserbriefschreiber, der Schwierigkeiten mit seinem schwulen Bruder hat, der heiraten wollte und gerne die Kinder als Blumenstreuer hätte, samt den Reaktionen auf Eggerts Reaktion auf den doch höflich anfragenden Schreiber. Dank Crystal- Beck – unter anderem, aber prominent genug – von den Grünen ist Eggert ihren Job los.

    Viertes Beispiel: Ich nenne nur zwei Namen: Sloterdijk und Safranskis Kritik an Merkels Politik der offenen Grenzen und daß Menschen ohne jegliche Kontrolle ins Land reisten. Das, was sich diese beiden an Unterstellungen anhören mußten, ist schon ein wenig dicke gewesen. Es wird nicht mehr auf die Sache reflektiert und Gedacht, sondern es wird vielfach ein Gesinnungsstempel aufgedrückt, um ganz bewußt politische Gegner zu diskreditieren.

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    • Das entscheidende Argument MRRs war ja Walsers allgemeine Vorwürflichkeit ohne konkrete Adresse, die man damals bei Walser und nun auch bei der AfD beobachten kann. Das nebulöse Irgendwie, der nebulöse Irgendwer.

      Hätte Walser damals schon konkret einen Diskurs der allgemeinen Vorwürflichkeit im öffentlichen Reden beklagt und konkrete Beispiele benannt, es wäre niemals zu diesem Mißverständnis gekommen. So blieb er aber mit seinen richtigen Ansätzen genau da stecken, wo er die „Anderen“ (ja eben, wen denn?) verortete: Im Irgendwo, irgendwie, irgendwann.

      Die „Fälle“ Eggert, Safranski und Sloterdijk sowie die Frage nach Übersetzungen alter Kinderbuchklassiker nannte auch ich immer wieder als KONKRETE (sic!) Beispiele für die kaputte Kultur gesellschaftlicher Diskurse. Ein Kultur, die man nur noch als vorwürflich, ja im Grunde inquisitorisch verstehen kann. Und mit der folglich keine Frage zu klären ist.

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  2. Ich lese Walsers Vorwurf dahingehend, daß er – in einer öffentlichen Rede, wo der Platz und die Fußnoten fehlen, um ins Detail zu gehen – eine allgemeine und herrschende Tendenz beschreibt. Man denke nur an die Jenniger-Rede 1988 oder wie Auschwitz immer wieder als Argument für Konkretes benutzt wurde – seien das nun Brandanschläge, aufkeimende Neonazis, aber auch die Debatten um das Holocaust-Mahnmal. Noch das Nachhinein von J. Fischers Satz, in Jugoslawien dürfe sich Auschwitz nicht wiederholen, gibt Walsers Rede Recht.

    Natürlich geschieht solche Meinungsmanipulation mittels Auschwitz nicht ständig und stündlich. Die Frage ist eben, ab wieviel Malen Vorkommnis kann man von einem herrschenden Diskurs sprechen. Kleines Sandkornparadoxon: Ab wieviel Körnern reden wir von einem Sandhaufen? Das sind bei den Grenzwerten sicherlich auch Fragen der (selektiven) Wahrnehmung. So wie wir für die eine Seite wegen AfD und Pegida auf dem Weg in den Rechtsruck sind und andere wiederum sagen: das wächst sich raus, das hat es in der BRD immer schon gegeben. Die Tendenz zumindest, in bestimmten Kreisen nicht mit Argumenten, sondern mit der Moralkeule zu kommen, sehe ich schon. Allerdings auch nur in bestimmten Milieus. Auf beiden Seiten. Die Differenz zwischen denen, die ständig von den linksversifften Grünen sprechen – was ich ungerecht finde, weil die Grünen ganz einfach nicht links sind – und solchen, die in jeder Kritik den Nazi wittern, ist nur eine graduelle.

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  3. Und hier, schon wieder, genau das meine ich,diesen Schwachsinn von cultural approbiation:
    „Der Streit um Dana Schutz’ Gemälde »Open Casket«. Der Schmerz des Rassismus.
    Die Kritik an der Darstellung des schwarzen Lynchmordopfers Emmett Till gipfelt in absurden Forderungen.“ All das erinnert mich an einen bestimmte Blogs und Debatten im Netz, es erinnert mich an Mädchenmannschaft, an Wizorek et all. wo Weiße aus dem Milieu der Priviliegierten der Welt mit evangelikalem Eifer erklärt, was man alles so beachten muß. In anmaßendem Tonfall sprechen sie über die Anmaßungen der anderen.

    https://jungle.world/artikel/2017/15/der-schmerz-des-rassismus

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