Kurzessay aus den Rossbreiten

Als eine der größten Problematiken im öffentlichen Diskutieren entpuppt sich für mich in den letzten Jahren die Neigung, den jeweils anders Denkenden als wahlweise unterbelichtet – naiver Gutmensch also – zu denunzieren oder aber als moralisch nicht integer – das wäre dann der „Fascho“. Dazu in aller Kürze:

Eine menschliche Gemeinschaft existiert unter anderem deswegen, weil sie sich als Gemeinschaft schützen kann. Aber eben auch, weil sie in der Lage ist, auf Neues, auf eine veränderte Umwelt zu reagieren. Beides – der Schutz und die flexible Reaktionsfähigkeit – ist notwendig, um zu überleben, jedes für sich alleine nicht hinreichend. Es scheinen ja auch beides anthropologische Konstanten zu sein, die beiden Spielarten, auf Fremdes zu reagieren: Angst und Neugier! So – ebenso prosaisch wie teleologisch – kann man diese beiden Spielarten doch darstellen, ohne dass dabei irgendwem irgend etwas unterstellt wird. Aber nein, gerade bei diesen beiden Punkten kulminieren die Vorwürfe, werden gegenseitig moralische oder intellektuelle Disqualifikationen ausgesprochen.

Konkret: Wer sich für Grenzkontrollen ausspricht und diese auch erst ein mal behalten möchte, ist dann gleich der nordkoreanische Einigler, der Angsthase, schlimmstenfalls der Wächter auf dem KZ-Turm. Wer hingegen meint, dass Migration aus dem Süden die nächsten Jahrzehnte bestimmen wird und wir mit Neugier, Herz und Verstand darauf reagieren sollten und eben nicht mit der Methode Nordkorea, der ist dann gleich linksgrünversift, ein Naivoblödiegutmensch. Diese jeweiligen Disqualifikationen bestimmen weite Teile des öffentlichen Redens. Ich habe darauf nur noch wenig Lust. Und schlage stattdessen den teleologischen Ansatz vor, beide anthropologische Spielarten – die Angst und die Neugier – moralinfrei als gegeben zu nehmen und mit ihnen Lösungen zu entwickeln. Denn gegen diese Spielarten dauerhaft zu agieren, das ist doch der Versuch, in der Antarktis Annanas anzubauen. Und gegensätzlich zum Steinewälzen wird man dabei nicht glücklich.

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