#Heimat

Meine Heimat sind die Ostseewellen,
wenn sie kommen und zerschellen.
Heimat kommt, Heimat geht
Heimat ist, was nicht besteht.

…Vorbei! Ein dummes Wort! Dennoch wahr. Vier Jahre war dieser Blog ein Teil meiner Heimat, nun ist endgültig Schluß und das Schreiben sortiert sich neu. Hatte mich im vorherigen Post gar nicht so richtig von meiner treuen Leserschaft verabschiedet. Das sei mit Hilfe dieses kleinen Vierzeilers nachgeholt.
Lebet wohl und streitet Euch nicht! Geht rechtzeitig ins Bett. Und denkt daran: Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da. Sondern auch zum – Lll… na, Lauschen beispielsweise.
Also: Byby allen, die mir bei meinem Lauschen zugehört haben. Tags und nachts. Und hört weiter hin. Dem Rauschen des Lebens und der Wellen, wenn sie kommen und zerschellen…
da fällt mir gerade eine weitere, erste Fassung ein:

Leben ist lauschen
dem Meeresrauschen
den Meereswellen
beim Zerschellen

und natürlich ein berühmtes Nietzschezitat, das mit dem Haus am Meer und den geteilten Geheimnissen. Aber gut, vorbei. Ein dummes, dennoch wahres Wort. Auch das Meeresrauschen ist irgendwann vorbei, wenn unsere Vorbeisein schon nicht mehr wahr ist. Vorbei wie jedes rauschende Fest. Dann bleiben wir noch für einige Zeit in Form elektromagnetischer Wellen im All nachweisbar. Aber nicht mal das ist ewig. Wie kann da ein harmloser – oder heißt es harmloses? – Blog dem ewigen Vorbei entfliehen. Vorbei…

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last posting – versprochen ist versprochen

So das wars. Die Blogosphäre ist am Austrudeln und meine Ankündigung des Ausstiegs vor einem Jahr wird nun umgesetzt. Es geht nun wirklich auf tell weiter. Schau ich mir das letzte Jahr selbstkritisch an, so muss ich mir sagen (lassen), dass meine Texte meistens zu tagesaktuell angelegt waren. Das ist auf Facebook oder twitter besser aufgehoben.

Natürlich habe ich mir lange überlegt, was denn nun das letzte Posting sein soll. Und da fiel mir ein ganz altes Langgedicht aus dem Jahr 1994 ein, ein Gedicht, das eine verrückte Hochglanzzeitschrift mit dem programmatischen Titel „Zukunft Berlin“ zum Anlass hatte. Wieviele Ausgaben dieser „Zukunft“ erschienen sind, weiß ich nicht und das damalige Exemplar ist längst wieder mehrfach recycelt. Jedenfalls ist dieses Langgedicht auch damals „tagesaktuell angelegt“ gewesen – und zeigt sich nun in aktueller Zeitlosigkeit.

Was allerdings kaum überraschen kann. Die Wiedererrichtung des Berliner Schlosses – damals mit einer Kunststofffassade marktschreierisch gefordert – ist nun Wirklichkeit. Der „alte Preussentraum“, wie es unten heißt. Und die „Nutzung“ hat sich auch gefunden.

Zu dieser „Nutzung“ als Humboldtforum nur dieses: Was immer auch andere über das sog. Humboldtforum denken mögen, ich benötige es für den Gedanken der Völkerverständigung nicht.  Auch ist dieses Forum ja nur das Sekundäre, der mehrheitsversprechende Kitt, mit dem der alte Preußentraum „Berliner Stadtschloss“ zusammengehalten wird, und der vermeintlich keine Widerrede duldet. Manchmal muss man sich nur die timeline der Ereignisse anschauen, um zu entlarven. Die Wiederrichtung des Stadtschlosses wurde bereits 1993 werbewirksam in Szene gesetzt, als es ein sog. Humboldtforum noch gar nicht gab. Deswegen schon verbitte ich mir Hinweise darauf, dass dieses Forum ja guten Zielen dient, man folglich deswegen nichts gegen das alte Berliner Stadtschloss haben könne.

Aber nun mein Gedicht aus dem Jahr 1994. Ich denke, dass ich damit abzüglich einiger veralteter Metaphern („binärer Hexentanz“) als blog-Abschluß gut bestehen kann:

PROLOG

Berlin – verdoppelter Bodensatz
als Sinnbild der flache Potzeplatz
und das weltberühmte Tor.

Da stand einst die Mauer vor,
oder dahinter je nach Perspektive
Frontstadt hieß die Direktive

Nun will – gedoppelt doch zusammen –
sich die Stadt zur Weltstadt rammen,
sie will sich putzen,
will „Chancen nutzen“,
die „neue Gründerzeit“ soll Vergangenes stutzen.
Krummschief wird der Bruch geschient
nur – die Stadt ist noch vermient.

Ich wandel daher
scheinbar als Flaneur
doch meine wahre Kunst ist
ähnlich dem Mineur.

Freilich ich arbeite mit Knalleffekt
nur daß ihr euch nicht erschreckt.
und manchmal – auch wenn ich es gar nicht darf –
mach erst ich die Mienen scharf.

Berlin beim Zeitungslesen

Berlin im Schmutz
das war einmal
nun kommt ein neuer Putz
Stadtplanung als Fanal
und Diskussionen allerorten
man spart nicht mit großen Worten.
Skallpelle hier Prothesen da
und am Kiosk tja da sah
ich gar ein Glanzdruckmagazin –
Titel Programm: Zukunft Berlin
erscheint jeden geraden Monat.

Jeder Tump, der Pläne hat
darf sie dort zum besten geben
darf Papphäuser basteln und kleben:
Berlin wird wieder aufgebaut!

Danach lasst uns alle streben
brüderlich und doppelt laut.

Bist nun Stadt der Kräne,
denn zu Kränen werden die Pläne:
Und die Pläne nehmen kein Ende
– sie versprechen Dividende.

Da werden Kulissen geschoben,
da werden Träume wahr.
Historische Schätze gehoben
durch Expertenkommentar.

Der schrapnellierte Berliner Dom
erstrahlt im Hohenzollernglanz.
Er war verfallen, sozialistisch versaut
nun ist er wieder ganz.

Die Restauratoren schufften noch strammer,
denn auch auf der Museumsinsel
werkeln Zirkel und Hammer
und ein feiner Pinsel.

Gegenüber – man glaubt es kaum
ein Schloß aus reinem Plastesaum.
Es soll erneuern,
soll befeuern
den alten Preußentraum.

Und dafür braucht man Raum.

Den wollen auch andere haben
und denken an besondere Gaben:
Sie bieten hier ein Stadthaus an
in dem der Bürger nebst Tochter und Sohn
– na… was weiß ich so machen kann –
ne Nutzung findet sich schon.

Ist schon ein wahres Trauerspiel
und bin noch nicht einmal am Ziel
weiter geht es unter den Linden
da wird sich alles weitere finden.

Da hockt in neuer Wachsamkeit
eine aufgeputzte Mutterfigur.
Offizielle bewältigen Vergangenheit
und machen ihren Schwur:

Dann spielen Kränze und Trauermarsch
auf zu starren Minen
Brust heraus und auch den Arsch
– mal schnell den Toten dienen.

Das alles vor Käthes Mutterfigur
ach diese miespackige Nomenklatur
Lohnen die ein Wort?
Nein! – also weiter, fort.

Richtung Tor da wird Zement gemischt,
die Friedrichstraße ist grad eingeschalt.
Wird später weltoffen aufgetisch.
Und zwar noch unbezahlt

aber mit Ausblick auf goldene Läufte:
Die Zwanziger nämlich sollens diesmal sein.
Damals als Kabarett sich hier häufte
und so wirs wieder – Treten Sie ein.

Der Beispiele sind Legionen:
Das Spiel mit Traditionen
ist DIE Gelegenheit
für eine neue Zeit.

Ergo kochen engagierte Grüppchen
ihre tradiertengagierten Süppchen
mit Würstchen aus raunenden Zeiten
und Fettaugen im alten Glanz.
Und Gewürzstandbildern, die reiten
zum binären Hexentanz.

Diese Erbauungsriten
ziehen Publikum magnetisch an.
Das muß man schon bieten
sagt bloß da ist was Böses dran…

(Mai 1994)

Damals

Nachdem ich im Autoradio von
Lauren Bacalls Tod gehört hatte
schnallte ich mir Inlineskates um

und verzichtete rechts auf den Knieschutz (Brandwunde am Bein noch offen)
und glitt die Lübecker Bucht entlang
und sah keine Wolken ins Wasser fallen
und sah keine Wellen kleine Regenbogen machen
und sah den Horizont nicht nicht

sondern Sternwoods Tochter wie sie
dem gefesselten Bogie
eine Zigarette anzündete.

 

bacall

 

Ende der 90er Jahre,

 

ein junger Arzt in seiner ersten Stelle. Schnell merkte dieser junge Arzt, dass einer der Kollegen in der Abteilung ausgegrenzt wurde, mithin die Rolle des Immerschuldigen zu spielen hatte.
Der junge Berufsanfänger fragte seinen Vorgesetzten, den leitenden Oberarzt S. nach den Gründen dieser Ausgrenzung und erhielt eine erstaunliche Antwort: Mit dem Herrn P. könne man halt „aus ethnischen Gründen“ nicht zusammenarbeiten (Der „aus ethnischen Gründen“ ausgegrenzte Kollege, der Immerschuldige war Migrant aus dem ehemaligen Jugoslawien). So sei das!

Nein, die Erfolge der AfD 20 Jahre danach wundern mich keineswegs.

 

äskulab

Zum letzten Mal

das leidige Thema AfD. Man glaube mir: Ich habe besseres vor mit meiner Zeit. Doch nun lese ich im Netz von durchaus intelligenten Menschen etwas von einer angeblichen „Rand“partei AfD. Ist sie das wirklich? Ist eine solche Argumentation nicht geschichtsvergessen? Wie weit am Rand war die NSDAP 1928 mit ihren 12 Abgeordneten im damaligen Reichstag? Und wie breit wurde der Rand dann mit der Wirtschaftskrise ein Jahr später?
Ist es heute so anders? Denn genau das ist nie zu vergessen: Die aktuellen 8-10% Stimmenanteil der „Rand“partei AfD sind das Ergebnis OHNE Wirtschaftskrise. Wie breit würde deren Rand MIT einer solchen Krise sein? Ich frage und wage kaum zu antworten…