Sonette aus drei Jahrzehnten

Ein wenig sollen sie ja sogar in Mode gekommen sein, die Sonette. Aber seis drum. Wenn dem so ist, so bleibt es doch eine Mode unter dem Radar der Bestsellelisten. Und sie wird auch schnell wieder verschwinden, wie alle Moden. Das Sonett hingegen bleibt.

Ich nehme diese Mode unter dem Radar, deren hurtige Ausrufung wohl mit dem Büchnerpreis Jan Wagners zu tun hat,  zum Anlass, das nahende Ende dieses Blogs mit einer Sammlung hier veröffentlichter Sonette einzuläuten. Sonette aus drei Jahrzehnten, für Interessierte zum Copypasten zusammengefasst.

Das Arschlochsonett

Das durchreflektierte Arschloch in
und der bestirnte Himmel über mir
können nicht wissen, wer ich bin.
Halb Mensch eben und halb auch Bier.

Doch wenn meine beiden Hälften zusammen
wollen, sagt mir mein Riesenarschloch:
Kneif sie zusammen, Deine strammen
Backen! (Täglich tu ich das doch!)

Durchreflektiert sucht mein Riesenarschloch
seine Stellung in der durchlöcherten Welt.
Doch ist es nur Küche, ganz ohne Koch.
Kochlose Küche, mutloser Held!

So köchelt mein Arsch so vor sich hin
und nicht zu garen ist sein Sinn.

 

 

Algorithmussonett

Nur das, was ich begreifen
kann, das hab ich in der Hand.
In Algorithmusschleifen
dreht sich das Möbiusband.

Das Band ist eigentlich eine sie –
kein vorne kein hinten – sie kreist
vergeblich wie die Nadel, die
niemals nach Norden weist.

Das Leben, nun, das muss man pressen
und drücken und Saft muss auch
hinein. Und nicht vergessen
zu atmen in den Bauch.

So drehen die Endlosschleifen!
Nur das, was ich begreifen…

 

 

Auch Erben will gelernt sein

Für Judith

Es trennt sich zur Weihnacht vom Weizen die Spreu
Zum Erben gehört auch ein Fluch
Der BerlinHipstercityboy
muß auf Sponsorenbesuch

Deswegen fahren in großer Schar
die Erben der Erben gen Westen
dort wollen die Eltern wie jedes Jahr
Ostschwiegertöchter testen

Wenn dann die Töchter frech und klug
sagen sie haben zum Leben genug,
muss er halbe Nächte lang glätten.
Nur so ist das Erben zu retten.

Nach drei Tagen ist dann die Qual vorbei
Gen Osten rollt die Erbenpartei…

 

 

Das Bamberger Punschlied

(für bersarin und für den Anselm)

Ein Goldtopf wirkt in Säufers Seele:
Bamberg erteilt Punschbefehle!
Die Geburt der Form nur aus dem Punsch
ist in Befehlsform Säufers Wunsch

und immer weiter, reitet der Reiter
reitet hinauf die Himmelsleiter
Lass es stürmen, lass es regnen:
Herr, lass Punsch den Himmel segnen.

Und lass Punsch über Tasten gleiten
ob beim Dichten oder Streiten
ob beim Singen, Metrum holpern
niemals lass den Reiter st-stolpern

Und wenn der Traum sich ausgelacht
dann kommt der Tag wie jede Nacht

 

 

Das Schinderhannessonett

Ich lese in den Organen die wilden
Wahrheiten und singe dann blutige Lieder.
Denn als Augur ließ ich mich ausbilden
komme als Schwur auf die Krieger nieder

Ich glaube nicht an die letzten Gedanken
unter dem Fallbeil: Die Blende auf acht!
Als wir nach dem Schneiden den Tee austranken,
da haben Schinder und Hannes gelacht.

Denn forschende Geister haben Elektronen
an ihre Muskeln und Backen gehalten.
Sie grimassierten und bildeten Falten:
Die Zukunft wird dem Wahnsinn lohnen

Wir Käuze lauschen, wir hören die Pest!
(Den Würmern gehört der organische Rest)

 

 

Das Gottfried Benn-Sonett

„…am schlimmsten:
Nicht im Sommer sterben,
wenn alles hell ist
und die Erde für Spaten leicht.“ (Benn)

Für den Tod musste noch keiner werben
zum Sterben hats noch immer gereicht.
Im Sommer vor 60 Jahren das Sterben
die Erde war für Spaten leicht.

Und Licht war da in der Baracke
der schwarze Schwan ein Karzinom.
Das Bett voll Wundsekret und Kacke
alle Wege führen nach Rom –

die Trommel liest den Kriminalroman zuende
alles ist Ufer ewig ruft das Meer
Ikarus flog gegen Wände
schlug um war alle, kein ich kein er

Thermopylen, Spaten, märkischer Sand
Kindererde – unendlich geliebtes Land

 

 

Maggie und der Schriftsteller Paris Paselke treffen sich nach langer Zeit wieder und haben über die Vergangenheit unterschiedliche Ansichten

Weißt Du noch am Meer die Quallen?
Wir machten Brrr! und ließen uns fallen.
Der Strand so warm, die Küsse scheu,
wir machten es, als wär es neu.

Ja, weißt Du noch die großen Wellen?
Wir glaubten, dass wir nie zerschellen.
Wir schrien die Nußschale auf wildem Meer,
wir hofften das Ufer. Wir atmeten schwer.

Ich weiß es wohl noch: Wir glaubten das Lieben
als wir uns aneinanderrieben.
Doch alles nur Kino: Die Schwüre zu heiß.
Zu laut und zu schnell – stumpfer Fleiß.

Und nichts, Paris, nichts ist geblieben
vom Lieben….

 

 

So sehen Sieger aus schalela lala

Die Kleinstadtwecken aus dem Prenschelberg
kacken auf alles aus ihrem Dachgeschoß.
Jeder ist ihnen von dort ein Zwerg
und sie sind überall der Boss.

Sie rollen SUVs mit Hybridantrieb
und Schützenpanzerdrehmoment.
Sie haben sich und ihre Kinder lieb
wie man es von der Löwin kennt.

Nach Schule walzt Mama verzogene Gören
zum Synapsenbuilding bei der Geigenfrau.
Die muß dann das Gequietsche hören,
denn Quietschen macht Siegerkinder schlau.

So quietschtie! der Berg – dem Thierse ein Graus
Doch sehen nun einmal so Sieger aus.

 

 

Wanderers Transplantation

Der Selbstmörder schrieb im letzten Brief:
Das Lottchen hat mich ausgegossen
kein Lebensmut – und der zerflossen.
Der Gedanke kam, als ich ihn rief.

Man holt den Arzt in großer Not.
Der Arzt beschaut das Stirnbeinloch:
„Gewerthert, na der Kerl geht tot,
doch die Organe leben noch.“

Frau Kestner harrte unverdrossen
jahrelang der Medizin.
Gewebe passt – es ist beschlossen:
Sie hat Operationstermin!

Das Ende ihrer Nierenpein
wird Werthers linke Niere sein.

 

 

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Das Arschlochsonett

Das durchreflektierte Arschloch in
und der bestirnte Himmel über mir
können nicht wissen, wer ich bin.
Halb Mensch eben und halb auch Bier.

Doch wenn meine beiden Hälften zusammen
wollen, sagt mir mein Riesenarschloch:
Kneif sie zusammen, Deine strammen
Backen! (Täglich tu ich das doch!)

Durchreflektiert sucht mein Riesenarschloch
seine Stellung in der durchlöcherten Welt.
Doch ist es nur Küche, ganz ohne Koch.
Kochlose Küche, mutloser Held!

So köchelt mein Arsch so vor sich hin
und nicht zu garen ist sein Sinn.

Der 70. Geburtstag oder Tod des Lyrikers

Er, der nach Jahren der Entbehrung endlich erfolgreiche und vielfach ausgezeichnete Lyriker, hatte bei der Firma für Cyberpuppen das Komplettpaket gebucht: Also neben Hauswirtschafts- und Chauffeurfunktion auch Bodyguard, Sex und Gesellschaftsbegleitung mit dem Bildungsprogramm, passend zu Theater und Oper. Beim Sex überdies die Extraausstattung mit dem Algorithmus, der das Netz nach Äußerungen des Kunden durchsucht und aus diesen Äußerungen geheime Wünsche extrapolieren kann. Hier ist wohl der Fehler passiert, denn der Lyriker hatte vor Jahrzehnten ein Gedicht mit dem Titel „zum 70-ten“ online gestellt, in dem die Zeile vorkam

zwischen Deinen Schenkeln möchte ich sterben

Von diesem Gedicht wusste die Botpuppe, die der Lyriker Quawn nannte, und deren Algorithmus bewegte diese Zeile in ihrem Halbleiterherzen, gerade so wie Maria die Worte des Engels an die Hirten, Worte, die sonst niemand verstanden hatte…

Als nun der 70. Geburtstag des Lyrikers zu feiern war, bereitete Quawn ihm die Überraschung vor.

Ein schöner Gedanke war es ihm, zwischen den Beinen eines Mädchens zu liegen? Noch schöner wenn es Ewigkeit wird? Nichts leichter für Quawn, als das zur Wirklichkeit werden zu lassen. Und so kam es, dass Quawn dem erfolgsverwöhnten Lyriker zum Geburtstag ein Rosenbett baute, sich seiden anzog, ihn zwischen ihre Schenkel nahm und dann – gemäß des kategorischen Imperativs ihrer Programmierung und ihrer körperlichen Fähigkeiten als Bodyguardmaus – ihn zusammendrückte bis zur finalen Erschlaffung.

Sprüche, Weissagungen und andere Lyrik sind immer gefährlich und können noch Jahrzehnte nach ihrer gedankenlosen Entstehung zu Konsequenzen führen, die sie eigentlich niemals haben sollten.