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Im Online-Magazin tell ist anlässlich des Filmstartes des neuen Schlöndorffilmes ein Text der Redaktion über Max Frischs Erzählung „Montauk“ erschienen. Mein redigierter Text eröffnet die Gemeinschaftsarbeit, hier meine längere, unredigierte und etwas umständlichere Urfassung.

 

1975. Max Frisch „Montauk- eine Erzählung“ erscheint, in der er über ein amouröses Wochenende auf Long Island berichtet. Und dieses Wochenende wird gleichzeitig Anlass sein, als alternder Schriftsteller Bilanz zu ziehen. Sein Sinnbild findet Frisch in der französischen Revolution:

ein französischer Edelmann auf dem Weg zur Guillotine bittet um Papier und Feder, um sich etwas zu notieren, und es wird ihm gewährt. Man könnte die Notiz ja vernichten, wenn sie sich an irgend jemand richtet. Das ist nicht der Fall. Es ist eine Notiz ganz und gar für ihn selbst: pro memoria.“

Seine Bilanz allerdings ist düster. Er, der seine Geschichten bisher immer anprobierte „wie Kleider“, wie er sich selbst zitierend schreibt, bekennt nun:

Ich habe mich selbst nie beschrieben. Ich habe mich nur verraten“

Und als eine der Ursachen dieses Verrats sieht Frisch offenbar die „Berufskrankheit des Schriftstellers“, das Leben nur als Rohmaterial für das eigene Werk zu verstehen. Sein Konzept gegen diesen Verrat nennt Frisch Aufrichtigkeit und er beruft sich dabei auf die berühmte und als Motte vorab zitierte Ansprache an den Leser M de Montaignes.

Allerdings operiert seine Aufrichtigkeit in „Montauk“ mit realen Personen. Er macht sie kenntlich, nennt sie teilweise wie die 1974 bereits nicht mehr lebende Ingeborg Bachmann beim Namen, klärt ihre Identitäten wie die seiner beiden Ehefrauen unmissverständlich auf. Seine zweite Ehefrau lässt er in direkter Rede zu Wort kommen und problematisiert damit die Frage nach der Rücksicht des Schriftstellers gegenüber den Mitmenschen, die der Text implizit schon in sich trägt, direkt

ICH HABE NICHT MIT DIR GELEBT ALS LITERARISCHES MATERIAL. ICH VERBIETE ES, DASS DU ÜBER MICH SCHREIBST“

Dass er es dennoch tat, ist juristische sehr fragwürdig und es würde heute wahrscheinlich nicht mehr durchgehen. Die „Berufskrankhiet des Schriftstellers“ jedenfalls wird man so nicht los. Das ist das eine.

Das andere ist die Frage, ob der Text Frischs Anspruch der „Aufrichtigkeit“ einlöst. Ob er, um ein ebenso modernes wie fragwürdiges Wort zu verwenden, „authentisch“ ist. Uwe Johnson schrieb Frisch in einem Brief, nachdem er das Manuskript gelesen hatte, Frisch sei es glungen

„…aus dem eigenen Leben mit den Mitteln der Literatur ein Kunstwerk herzustellen.“

Ein Kunstwerk ist dieses enorm lesbare, stilsichere Buch ganz ohne Zweifel, es zu lesen ein Kunstgenuss. Und es reflektiert und bricht diese Aufrichtigkeit, die siehe das obige Zitat der Marianne Frisch bis zum Denunziantentum reicht, immer wieder.

Aber authentisch? Was meint man damit? Ich kann mit dieser Kategorie so wenig anfangen. Man scheint sich mittlerweile sogar darauf geeinigt zu haben, dass „authentisch“ nicht einfach ein freies, ungefiltertes Assoziieren meint, sondern durchaus auch gestaltete Authentizität sein kann. Was ihn zu einem ästhetischen Begriff macht, ähnlich wie früher vielleicht erhaben oder betroffen. Freilich: Wenn man nun vergleichend fragt, wo dieses aufrichtige, realere Buch authentischer ist als Frisch fühere, fiktionalere Werke, so fällt die Antwort schwer. Es ist autobiographischer, inhaltlich wohl auch ehrlicher, sicherlich, aber damit auch authentischer, also echter?

Und so bleibe ich bei meinem Urteil, das ohne den Begriff Authentizität auskommt: „Montauk“ ist eine grandiose Erzählung über ein Liebeswochenende, die zugleich intelligente Reflexionen über die Rolle des Schriftstellers und die Zumutungen, mit einem in einer Beziehung zusammen zu leben, enthält, und die immer wieder durch Erinnerungspassagen und wechselnde Perspektiven aufgebrochen wird.

Und bei allem berechtigten Missmut der realen Vorbilder haben wir ihnen zu danken, dass sie keine juristischen Schritte gegen das Buch unternahmen und wir somit ihr Leiden an Max Frisch („Max, you are a monster“ ) bis heute lesen können.