Ende der Vorrunde

Eine sehr kurze Poetologie der Sportreportage oder warum ich ausgeschieden bin…

 

Ich bin bereits nach der Vorrunde ausgeschieden, weil meine sportjournalistischen, lyrischen Dehnübungen nicht genügten und auch gar nicht genügen konnten.  Es ist nie leicht, mit Lyrik auf den Tag, franz. le jour also eben journalistisch zu reagieren. Zusammen ergibt es ja einen Widerspruch. Denn ein Gedicht entsteht nie oder höchst selten als unmittelbare Reaktion auf ein äußeres Ereignis oder Erlebnis. „Ein Gedicht entsteht überhaupt äußerst selten. Ein Gedicht wird gemacht“ (Benn). Somit kann das auf Tagesaktualität reagierende Gedicht getrost als Zwitter bezeichnet werden. Solche Zwitter schreibe ich nach einigen Versuchen nicht mehr.

Seis drum: Die eine oder andere gelungene Zeile mag dabei gewesen sein, das eine oder andere holterdipolternde Metrum auch. Manchmal läuft der poetologische Ball eben elegant durch die Reihen bis zum finalen Torschuß, manchmal, nein, häufiger merkt man das poetische Abmühen, und das tut keinem Text gut. Gut gemüht ist schlecht geschrieben. Wer weiter Lust auf Fußballgedichte hat, sei auf dasgedichtblog verwiesen. Dort finden sich gelungene und – nunja –  manchmal auch weniger gelungene Fußballgedichte. Ich bin nach der Vorrunde ausgeschieden und habe nun zu erklären, worin die Poesie des Fußballspiels besteht und – wichtiger – wie diese Poesie am besten dargestellt wird. Und weiterhin darauf hinzuweisen, dass es neben der Poesie des Spiels auch kulturelle, v.a. soziale, wirtschaftliche und politische Dimensionen des Gesamtphänomens gibt, die zur weiteren Reflexionen zwingen. Auch in diese Dimensionen stieß ich „lyrisch“ vor, so mein Posting „18“… Aber zurück zur Poesie: Die kann eben nur die Poesie des Spieles sein! Die das Spiel darstellende Sprache dagegen kann nur als Medium angesehen werden. Und genau hier haben wir schon das entscheidende Ende des Ariadnefadens in der Hand: Das Spiel regiert die Poesie, die Sprache reagiert nur und wenn beides zusammenfällt, kann große Poesie entstehen. In Deutschland assoziiert man häufig Herbert Zimmermann mit diesem Phänomen, dem Zusammenfallen von Ereignis und Sprache („Tor, Tor, Tor, Tor…Tor für Deutschland!“). Ich kann da nicht ganz mitgehen. Meine größten poetischen Erlebnisse beim Fußballspiel goß Rolf Kramer („…die Latte!…sie zittert noch…“) in Sprache, für mich der Sportreporter des 20. Jahrhunderts, ein Meister der Zurückhaltung, ohne einfach die Nachnamen des ballführenden Spielers zu litaneien und zugleich ein Meister der Pointierung mittels genau abgestimmter Mischung zwischen Dämpfung und Resonanz. Sicherlich hatte er das Glück, einigen der größten, epischen Ereignisse des Fußballsportes beizuwohnen. Allerdings gilt auch hier wie in der Literatur: Nicht jedem widerfährt jede Geschichte und so gewöhnlich Rolf Kramer auch gewesen sein mag, es ist allemal die sich zurücknehmende Gewöhnlichkeit eines Hans Castorps…

Es sei somit noch einmal zusammen gefasst: Ein solches poetisches Erlebnis, das ganz darin besteht, dass ein Reporter ein großes Spiel mittels sprachlicher Zurückhaltung und lebhafter Intonation erzählt, eben live, besser noch antizipierend erzählt, kann ein hinterher geworfenes Gedicht gar nicht bieten. Es ist die Poesie des Spieles und des Momentes und damit ganz der Poesie der körperlichen Präsenz zuzuordnen. Deswegen schied ich nach der Vorrunde aus. Das eine oder andere poetische Tor mag ich erziehlt haben – in der Summe war es zu wenig. Und ich trauere dem Versuch keine Träne nach.

Geschrieben während des Spieles USA gegen Deutschland, Reporter war Oliver Schmidt, Spiel wie Reportage waren allenfalls mäßig.