„Deutschland ist schön…“ (Bierwerbung)

Der Himmel so blau
hinter den Birken
die Au

Advertisements

Die Hilflosigkeit der Linken im Angesicht des völkischen Sturmgeschützes

Die Linke erscheint aktuell auch deswegen so hilflos, weil sie auf eine entscheidende Frage einfach gar nicht antworten kann: Es ist die Frage, wie weit die Konservativen den Völkischen hinterher laufen wollen. Und wo deren Grenze des Mitmachens ist. Das können naturgemäß nur die Konservativen selbst beantworten. Wer sonst?
Wir können zunächst nur zuschauen und allenfalls versuchen, den Dialog mit den Abschmierenden, den Verführbaren aufrecht zu erhalten. Und wir können den in Wort und Tat bereits auffällig Gewordenen genau diese Frage stellen: Wie weit wollt Ihr da mitgehen? Wann ist das Ende des Erträglichen erreicht? Welche Weggabelung weiter nach Rechts betretet Ihr nicht mehr?

Mehr ist nicht drin, das sind die aktuellen Grenzen des Dialogs. Ich denke, das muss man ganz nüchtern so sehen.

sturmgeschütz

Legende vom Schiffbruch

Ein Schiffbruch zwang einst die Überlebenden auf eine einsame Insel. Auf dieser Insel war alles Notwendige in Hülle und Fülle vorhanden, Nahrung und Süßwasser. Dennoch kam des nachts das Heimweh und bohrte sich in die Gehirnwindungen hinein wie die Muschel in die Planken, nistete dort und gab wohldosiert seine Wirkstoffe ab.
Man gestand sich gegenseitig das Heimweh und einigte sich darauf, gemeinsam die Flucht vorzubereiten. Als hilfreich erwies sich das Überleben des Schiffszimmermanns. Und zugleich war ein geretteter Passagier ein Schiffsbauingenieur, so dass zum Bau eines Schiffes mehr als ausreichende Fachkompetenz vorhanden war. Alles ging zunächst gut vonstatten. Der Rumpf lag auf, wurde beplankt.
Aber die Neigung des Menschen zur Spekulation war auch auf der Insel nicht verkümmert. Und so bildete sich bald eine Gegenbewegung zum Schiffbauer, zur „übertrieben“ rationalen Sicht auf das Ganze: Federführend war der „Philosoph“ Schrieschrie. Er hatte in tiefer Versenkung erfahren, dass man genauso gut in einer Vollmandnacht nach Osten die Hüften schwingen könne, dann werde der Geist der Hoffnung kommen und alle heimwärts reiten. Freiheit gegen die Diktatur des Ingenieurs, so Schrieschrie im Kreis seiner Jünger.
Ein zwischenzeitliches Stocken der Arbeit – etwas, was immer passieren kann und was keineswegs ein Scheitern des Gesamtprojekts bewies – verstärkte diese „Lehre des Schrieschrie“, galt sofort als deren Beleg. Intellektuelle fanden sich, die von konkurrierenden, gleichwertigen „Narrativen der Wirklichkeit“ redeten. Der Ingenieur habe seine Sicht zu belegen und die absolute Sicherheit der Heimkehr zu garantieren. Als er nur von Wahrscheinlichkeiten sprach
Garantieren kann ich nichts. In der Wissenschaft gibt es Wahrscheinlichkeiten keine Garantien
, war es vollends vorbei mit der Einigkeit. Wahrscheinlichkeiten biete Schrieschrie auch. So die postmoderne Behauptung. Was sei schon Wirklichkeit, wenn die Möglichkeit winke. Und: Es gäbe „alternative Wirklichkeiten“, „gefühlte Wahrheiten“, deren Plausiblitäten nicht hinter Ingenieursrationalitäten zurück stünden. Zwei konkurrierende Metaphern der Wirklichkeit stünden zur Wahl, nichts anderes. Kein Grund, das eine wahrer zu nennen als das andere – so diese Intellektuellen ganz ohne Not oder Notwendigkeit. Und sie erhielten Beifall… Schließlich würfelten manche sogar aus, wie sie sich entscheiden sollten. 2, 4, 6 der Ingenieur – 1. 3, 5 Schrieschrie.

Wie die Geschichte ausging? Vielleicht so: Der Ingenieur und seine Truppe kamen nicht durch, das Schiff sank, diesmal war keine gnädige Insel in der Nähe. Und Schrieschries Gemeinde wurde gerettet, aber nicht aufgrund der vollmondlichen Hüftschwunggebete sondern durch die Kriegsmarine. Was den Geretteten zum Anlass wurde, Ingenieursweisheit zu verspotten und sich sowohl intellektuell als auch in lebenspraktischer Hinsicht überlegen zu fühlen. So stumpft die Reflexion das Denken.

flomed

Essay 5

Opferpathos, Widerstand und Freiheitswille der Neuen Rechten

„…und die Vernunft verhüllt ihr Antlitz.” (Thomas Mann 1930, „Deutsche Ansprache”)

1

Eines der irritierensten Phänomene der Neuen Rechten ist die Tatsache, dass sie selbst sich als Opfer eines orwellschen „Wahrheitsministeriums”, also einer Diktatur sehen. Dieses Ministerium ist natürlich keine tatsächlich greifbare Entität. Gemeint ist vielmehr eine quasi-diktatorische, öffentliche Stimmung, die in jahrzehntelanger, links-liberaler Medienhegomonie entstanden sein soll. Diese linksliberale Medienhegomonie produziere Sprechverbote und wirke normativ gegen ein normales bürgerliches Leben und für das Leben von Außenseitern. Die normale Mitte – was immer das ist – werde nicht mehr wahr genommen, komme in gesellschaftlichen Debatten nicht mehr vor. So in etwa der Kritikpunkt der Neuen Rechten. Und  wie bei allen gesellschaftlichen Regungen ist in dieser Hegomoniebehauptung auch eine gewisse, „relative Wahrheit” (Thomas Mann 1930 über die Wahlerfolge der NSDAP) zu finden, denn die diktatorische Diskurskultur der letzen Jahre war in der Tat mehr als kritikwürdig. Aber hier schon beginnt die Analogie der Neuen Rechten zu den Linksradikalen: Aus der zutreffenden Einzelbeobachtung leiten sie das Bild einer linksautoritär dominierten Gesellschaft ab, mit Sprechverboten, Unterdrückung und Unfreiheit. Die konzeptionelle Ähnlichkeit zur linksradikalen Behauptung, die Bundesrepublik sei ein „faschistischer Staat“ ist evident.

So sehen sich die Neuen Rechten im Widerstand, und entnehmen aus der Ikonografie des Antifaschismus einen Teil ihrer Embleme. Auf der Website Halleleaks sieht man unglaublicherweise ein Bildnis von Hans und Sophie Scholl, worunter steht: „Hans und Sophie wären heute bei uns!“ Dass das Bildnis der Beiden von einer DDR-Briefmarke abkopiert worden ist, also eine Verbindung zum insgeheim bei den Neuen Rechten bewunderten, autoritären Staat DDR besteht, ist nur vordergründig ein Zufall. „Wir marschieren, der nationale Widerstand!“ skandierten Neonazis u.a. des sog. Thüringer Heimatschutzes schon in den 90er Jahren. Widerstandsrethorik. Auch die kommt ursprünglich von links.

Und weiter nicht unerwähnt bleiben kann das Selbstbild der Neuen Rechten als die „Juden von heute”. Eine alberne und stümperhaft gebosselte Aktion eines Werbefuzzys (#keingeldfürrechts) wird dann mit den Boykottaufrufen der NSDAP gegen die Juden verglichen. Auch diese Maßlosigkeit in den historischen Vergleichen, eine eigentlich linke Spezialität, ist nun also rechtsaußen aufgeschlagen.

In der Summe sind damit die Neuen Rechten genau da gelandet, wo sich sonst die Linken aufhielten: In der Opferfalle! Ich bin ein Opfer des Systems und leiste Widerstand, schallt der Ruf nun von rechts, wo genau derselbe Ruf doch vormals von links kam…

2

Neben der Opferbehauptung, die ja bekanntlich immer mit einer Opfernotwendigkeit einher geht, – es ist nur zu fragen, wer das zukünftige Opfer sein wird! – neben dieser Opferbehauptung also kommt noch ein zweiter Erzählstrang hinzu, der den Neuen Rechten ihren Empörungstreibstoff liefert. Die Behauptung der Unfreiheit! Dieser zweite Erzählstrang ist wie in jedem guten Roman nichts anderes als eine Variante des ersten. Ja sie fühlen sich unwohl im eigenen Land , unfrei, okkupiert (aber von wem bloß?) also als (s.o.) Opfer und gehen deswegen in den unnatürlichsten Zustand über, in den eigentlich konservativ Gesinnte geraten können. In den Zustand der Revolte. Groteskester Ausdruck dieser Revolte sind sicherlich die sog. Reichsbürger. Es ist eine Revolte gegen Chimären, von Menschen, die in keinem psychometrischen Test irgendwie auffällige Ergebnisse zeigen würden. Unfreiheit wittern, wo gar keine ist. Und aus der Fehlwahrnehmung eine Notwendigkeit zur Revolte ableiten. Ich wüsste nichts, was gefährlicher wäre.

Bereits ein Nazilied, dessen dritte und vierte Zeile jeder kennt, hat diese gefühlte Unfreiheit zum Thema: „Freiheit das Ziel/Sieg das Panier. Führer befiel/wir folgen dir.” Gemeint war dieser Blödsinn als Befreiung von allen Werten, die den Bedürfnissen der damaligen Völkischen entgegen standen. Diese als volksfremd behaupteten Werte – westlich, demokratisch – spielte seinerzeit in etwa dieselbe Rolle wie heute die political correctness, nämlich die Rolle des „Volksunterdrückers”. Und diesen Unterdrücker, also die Republik galt es mit allen Mitteln zu bekämpfen, so das damalige, völkische Narrativ. Da half nur die permanente Revolte, das permanente Inganghalten der demagogischen Drehorgel, die permanente Gewalt – also: Die freche Installierung und anschließende, vorwürfliche Behauptung eines permanenten Ausnahmezustands als politische Waffe! Ist es heute so anders? Thomas Mann jedenfalls erkannte 1930 schon die Eigentümlichkeit dieses völkischen Freiheitsbegriffs, der sich endlich im Austoben von Gewalt auslebt, ohne „unfrei” machende Fesseln der „westlichen” Vernunft.

„… Die Gewalt beweist sich selbst damit, sonst nichts, und das ist auch nicht nötig, denn alle Rücksichten außer ihr sind gefallen, die Menschheit glaubt nicht mehr an solche und ist also ‚frei’ zu ausgelassener Gemeinheit.”

und über den politischen, gegendemokratischen Politikstil seiner Zeit:

„Fanatismus wird Heilsprinzip, Begeisterung epileptische Ekstase. Politik wird zum Massenopiat des Dritten Reiches oder einer proletarischen Eschatologie, und die Vernunft verhüllt ihr Antlitz.”

Wir wollen hoffen, dass diese Politik des „Massenopiats”, der „epileptischen Ekstase”, also des Wutbürgers nicht mehrheitlich mit Freiheit verwechselt wird. Und dass die Lächerlichkeit des völkischen Widerstandspathos immer mehr Deutschen aufgeht. Ich kann diesem Land, diesem Volk – ja richtig gelesen -, dieser Bevölkerung, uns allen und damit zuletzt auch mir selbst nur wünschen, dass wir uns von den unfrei machenden Fesseln des Völkischen befreien. Ein Befreien ganz ohne Anführungszeichen. Denn Freiheit gibt es nur jenseits des völkischen Wahns.

deutsche-ansprache

ANGRY WHITE MEN 1-4

1

2008 ein dänischer Patient zu mir: Wissen Sie, Herr Finkeldey, wie wir in Dänemark Deutschland mittlerweile nennen? Nein?
Das Billiglohnland südlich von uns…

2

Komisch: Immer wenn man erklärt, dass gesellschaftliche Perspektivlosigkeit ein zentrales Motiv der angry white men sein könnte, unterstellen einem andere (z.B. Jan Fleischhauer als Vorwurf gegen alle Linke), man wolle wohl mit „typisch linken“ Sozialstaatssegnungen alleine die Nazi-Welle aufhalten. Mehr Geld vergießen mache weniger Nazis, ganz linear 1:1. So denke es in einem.

Nö, das hat keiner behauptet. Und das Späti-Syndrom – also das Versenken der eigentlich als Kinderförderung gedachten Kohle im Späti – ist mir durch jahrzehntelange Berufspraxis sehr wohl bekannt. Aber das Späti-Syndrom ist ja Ausdruck dieser Perspektivlosigkeit.

Bis zu den Wahlen wird diese Perspektivlosigkeit nicht grundlegend umgesteuert werden können. Es wäre zumindest schon ein mal hilfreich, wenn man das Benennen dieser sehr grundlegenden Problematik nicht immer als unterkomplexen Wunsch nach mehr Kohle und damit als dümmlich und intellektuell minder bemittelt hinstellen würde.

3

Gespräch im Speisewagen Herbst 2015. Ich setze mich höflich fragend zu einem ältereren, freundlichen Herrn mit Basballcap und dem „Cicero“ vor sich. Der beantwortet die Frage nach einem freien Platz mit Hilfe eines Goethe-Zitats. Da ich das Zitat fortsetzen kann, legt er die Zeitung weg.
Schnell demaskiert sich dieser ältere, freundliche Herr als Mitglied der AfD. In führender Position. Sein Denken wird immer klarer, eindeutiger. Fast nebensächlich, neben seiner Position zur gerade erfolgten Öffnung der Balkanroute und v.a. neben dem Offenlegen seiner Weltanschauung (worüber ich hier schon berichtet hatte), eigentlich nur in zwei Nebensätzen erwähnt er, dass „wir Deutschen“ ja „trotzdem“ die „Welt beherrschen“. Trotzdem? Trotz was?

Dann kommts:
„Und übrigens: Auch Donald Trumps Vorfahren kommen aus Deutschland.“ Herbst 2015. Man will kein Verschwöriker sein. Aber es kommt einem in der Nachschau wie ein Masterplan vor.

Ich musste dieses Jahr, erst recht nach dem 8. November so manches Mal an diesen älteren, freundlichen Herren denken.

4

Ich komme mir wie Cato der Ältere in der ständigen Wiederholung des einen Satzes vor:
Wie sähe die politische Lage mit einer echten Wirtschaftskrise aus? Wie viele angry white men gäbe es dann?

Man denke sich, auch bei uns verlören ganze Landstriche ihre Häuser, die die politische Leitung ihnen zuvor noch als Alterssicherung schmackhaft gemacht hat. Nicht auszudenken.

Die Verachtung der Bratwurst

 

1

So jetzt haben wir uns alle lange genug (lange? naja eine und eine halbe Woche) über die unbestreitbare Dummheit und Irrelevanz gewisser „Debatten“ und deren ebenso unbestreitbar ungute Rolle beim Hochkommen der Neuen Rechten aufgeregt. Zu Recht wie zu konstatieren ist. Aus den alten „Nebenwidersprüchen“ der 68er waren in den letzten Jahrzehnten Hauptthemen geworden. Das ehemalige Hauptthema, die soziale Ungleichheit, die Ausbeutung, geriet in Vergessenheit. Bei beiden Themen stimmt übrigens die Behauptung einer Automatik nicht. Weder löst die Auflösung des Hauptwiderspruches alle Nebenwidersprüche auf wie 1968 vermutet. Noch kann die Lösung linksidentitärer Fragen den sozialen Widerspruch lösen. Folglich stimmen auch die Vorsilben nicht. Das nur nebenbei: Jedenfalls führte diese einseitige Fokussierung auf die Identität zu einem massiven Kommunikationsproblem. Weite Teile der Bevölkerung erkannten sich nicht wieder. Dieses Unverständnis der Provinz wurde aber nicht als das angesehen, was es ist, nämlich als ein Aneinandervorbeireden. Vielmehr wurde es durch uns Städter als Ausdruck humaner Rückständigkeit gesehen. Teilweise wurde der Bratwurstgriller der Provinz regelrecht verachtet – und er verachtete zurück. Solche Stimmungen sind immer eine Einladung für Demagogen. Wer eine ganze Bevölkerungsschicht qua Vorwürflichkeitsdiskurs außerhalb der Gemeinschaft parkt, darf sich nicht wundern, wenn das rechte Sammeltaxi vorfährt. Und diesem schrecklichen Prozess wohnen wir ja gerade bei. Wie kam es zu dieser Verschiebung der Platten? Was war am Anfang?

2
Im Anfang war 1990. Weltgeschichtliches passiert. Ein System, der real existierende Sozialismus, falliert gerade aufgrund innerer Tragunfähigkeit. Die politische und moralische Statik war dahin und man hatte als Linker damals zu akzeptieren, dass die Statik offenbar von Anbeginn ein wenig falsch berechnet gewesen war. Hatte Anfangs noch die Gegnerschaft des Sozialismus zu dem einen unbestreitbar Bösen des 20. Jahrhunderts, zum Nationalsozialismus, die wackelnde Statik ein wenig abstützen können, so war im geschichtlichen Verlauf auch diesem falschen Grund das Fundament zerbröselt. Wer selbst böse geworden war – vielleicht schon immer war? -, konnte sich dauerhaft nicht auf die Gegnerschaft zum Bösen berufen. Schlicht eine moralische Contradictio in adiectio.
Wilde Diskussionen schlossen sich an. Die Linke selbst auf der Anklagebank. Haben „wir“, die Westlinken, Anteil am Ende des Sozialismus oder hat das mit „uns“ nichts zu tun? Die Äquivalenz der Fragen zu heute sticht ins Auge. Und meine Antwort – damals wie heute – ist klar. Man HAT damit zu tun.
Somit meine Frage: Könnte das nicht eine der Ursachen für die tektonische Dynamik innerhalb der linken Diskurse gewesen sein? Eine durch 1990 narzisstisch gekränkte Linke suchte ein neues Betätigungsfeld und fand es in den bürgerlichen Brüchen der Identität? Was ja auch nicht unberechtigt war. Und zunächst fruchtbare Ergebnisse erzielte. Jedoch eines Tags, und der Tag der war blau…
3
Ja, eines schlönen, blauen Tages musste doch selbst der hartgesottenste linke Diskursler erkennen, das da irgend etwas nicht so ganz nach Plan lief mit seinen „Diskursen“. Denn ebenfalls äquivalent zu 1968 sah man auch nun im kulturell explorierten Umfeld allüberall den Faschismus sprießen, auch da, wo er objektiv nicht anwesend war. Da reichte dann der Verzicht auf Gender-Suffixe und ein bischen Schweinefleischverzehr, um durch eine Diskurspolizei außerhalb menschlicher Zusammenhänge gestellt zu werden. Ich erspare mir wie den Lesern eine Aufzählung der teilweise grotesken Fälle. Eine polemische Übertreibung, sicher, aber so falsch?

Und noch eine Äquivalenz zu 1990 fällt auf: Die damals zu beobachtende Verachtung der DDR-Bevölkerung durch Westlinke (Die haben unseren sozialistischen Traum kaputt gemacht!) hat eine heutige Entsprechung. Das Sachsen-Bashing.

Wie es weiter geht, weiß niemand. Diese gegenseitige Verachtung Stadt versus Land, Ost versus West zurückzuschrauben, dauert Jahre. Ein zutiefst gespaltenes Land. Eine falsch justierte Einheit. Mit falschen Justierungen links wie rechts (zu rechts siehe hier). Derweil nehmen ganz andere Gegner diese Demokratie ins Visier. Gefährliche Gegner, das neue Böse. Und machen den Keil, den auch wir (ohne Anführungszeichen) geschlagen haben, zum Hebel.

Als ich als blutjunger Mann 1990 erlebte, las ich Heiner Müller. Der sagte damals: Das Ende der BRD werde er nicht mehr erleben. Ich war mir sicher, dass ich das auch für meine Lebensspanne sagen konnte. Ein historischer Umsturz reicht. Imperfekt: Ich war mir sicher…

wurst

Thomas Mann

am 3./4. Dezember 1936 an seinen Sohn Klaus über seine Eindrücke beim Lesen des Romans „Mephisto“:

„Mit Mielein [Katia Mann, geb. Pringsheim, HF] stimme ich darin überein, daß das Gelungenste und kritisch-erzählerisch Glänzendste die Schilderungen aus dem Berliner Theater- und Literatenleben von vor dem Umsturz sind. Aber freilich muß man sich gerade unter dem Eindruck dieses witzigen Bildes fragen: Wenn es so war, so albern und so korrupt, konnte es dann so fortgehen, und mußte nicht etwas anderes kommen, vielleicht notwendig das, was kam? Diese Frage ist gefährlich, und der Republik geschieht doch wohl unrecht damit.“

thomas-mann

Diese Fragen sind auch heute zu stellen. Wenn unsere „Debatten“ (die diesen Namen doch wohl nur in dickste Anführungszeichen eingekleidet verdienen) etwa über Kinderbuchübersetzungen, Gender-Suffixe oder vegane Ernährung so „albern und so korrupt“ sind, wie sie sind, und mit so verrückter Vorwürflichkeit geführt werden – hier wie auch drüben auf der anderen Seite des Atlantks – , und wenn weiterhin diese Anklage-„Debatten“ einzig wahrgenommener Ausdruck einer sonst zunehmend rein dysfunktionalen und öden Demokratie sind, ist dann nicht eine fatale Entwicklung der politischen Landschaft folgerichtig? Muss dann „nicht etwas anderes kommen, vielleicht notwendig das, was kam“?

Anstatt hierauf gleich wieder pawlowartig mit social-media-Schlagworten (Eliten-bashing, Minderheiten-Bashing, Abgehängte usw.) zu „antworten“, wäre eine mehrminütige Denkpause sicher sinnvoll.

Wir wollen doch hoffen, dass der Republik, der Demokratie insgesamt „unrecht damit“ geschieht. Aber ganz sicher bin ich mir nicht. Mir kommen diese aufgezwungenen „Debatten“ genauso vor wie der aufgezwungene „Antifaschismus“ der DDR, dessen initial aufklärerischer Impetus zur Rechtfertigung von Unrecht und Distinktion wurde. Und der deswegen ja bekanntlich folgenlos verhallte.

185

Biedermannbenzin

Wie verdeckt man am besten seine wahren Absichten? Natürlich mit der Wahrheit. Die glaubt niemand.
„Wenn die wirkliche Brandstifter wären, du meinst, die hätten keine Streichhölzer?“ irrte schon Herr Biedermann.
Sie hatten keine und sie brauchten auch keine, weil Herr Biedermann ja ausreichend Zündmaterial zu liegen hatte. Wer Feuer will, muss nicht selber zünden. Er muss nur am hellichten Tag seine Dunkelheit beklagen, schon wird der Biedermann und mit ihm das Feuer kommen…

 

biedermann