Hirnforschung reloaded

Ein hier publiziertes, über 20 Jahre altes Gedicht thematisierte die behaupteten „Durchbrüche“ der Hirnforschung der 90er Jahre, die damals (wie heute) vor allem eins im Sinn hatten (und haben): Noch mehr Forschungsgelder zu generieren, um noch mehr „Durchbrüche“ – diesmal aber wirkliche, wahrhaftige – zu triggern. Die 90er Jahre waren ja als das „Jahrzehnt der Hirnforschung“ gelabelt worden und die Fanggründe sprich die Fördergelder, die es zu zapfen galt, waren fett.

Schon damals warnten skeptische Mediziner und Biologen – weiß Gott nicht ich allein – vor diesem einfältigen Bilderpositivismus. Dass man manchmal vergebens warnt, mag ja noch hingehen. Ärgerlich fand ich, dass uns Skeptiker des Neuroimaging (vor allem Skeptiker der allzu flotten Schlußfolgerungen aus den erhobenen Daten) in der Tat Elitenneid vorgeworfen wurde. Weil Ihr durchschnittlichen Feld- Wald- und Wiesenärzte nicht an der Avantegardefront der Erkenntnis dabei seid, redet Ihr diese Erkenntnisse schlecht – so der damalige Tenor. Äsop gewissermaßen.
Nun die große Ernüchterung. Denn was es mit diesen „Durchbrüchen“ auf sich hat, steht u.a.  hier.

Ich gebe es unumwunden zu: Den Schwindel der naiven Bildergläubigkeit schon vor über 20 Jahren erkannt zu haben, rechne ich nicht zu meinen geringsten Leistungen. Soviel Stinkelob darf sein. Aber mal Ernst: Ich hoffe, dass den allzu hurtigen Elite-Forschern nun ein wenig ihr MRT-Licht aufgeht. There is a light, na und? … und für mich ein mal mehr ein Anlass, über den Begriff Elite und dessen Leuchtkraft (neuroimaging!) nachzudenken.

In welcher Hirnregion blinkt es im MRT eigentlich auf, wenn man zweifelt? I froag jo nuua

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6 Gedanken zu „Hirnforschung reloaded

  1. danke, summacumlaude, für die Info (plus Link) ! ich erinnere mich allerdings schon noch an ein gewisses Aufgemucke gegen die ach so vielversprechenden bildgebenen Verfahren. Nur dass dann diese Kritik im Schmus modischer Internet-Philosophie und Medientheorie unterging. Es gab Stellart, der bestimmte Körperregungengen über Internet steuern ließ. Den ersten „virtuell“ zugänglichen Menschen (man hatte einen Verbrecher in kleine Scheiben zersägt, die man sich dann einzeln oder mit Zoom-Effekt ansehen konnte).

    Doch dann kamen in polulärwissenschaftlichen Sendungen im TV. Erklärungen wie folgt:
    „Den Probanten wurden Fotos mit glücklichen Menschen gezeigt, und wir sahen die Regionen aufblinken, von denen wir vermuteten, dass solche Regungen dort verarbeitet werden; dann wurden ihnen Fotos mit unglücklichen Menschen gezeigt, und wieder, dort, wo wir vermuteten, dass dort solche Eindrücke verarbeitet werden, blinkten die Gehirne auf.“ – Und ich verlor das Interesse daran.

    Konnte man sich denn nicht einfach entscheiden: Entweder man vermutet oder hofft oder behauptet, dass irgendwann mentale Phänomene mikroneurologisch (im Prinzip) erklärt werden können, dann müssen wir aber auch annehmen, dass mentale Phänomene gar nicht existieren, – oder nicht. In diesem Falle wundern wir uns wiederum, wie primitiv mentale Ereignisse eigentlich sein müssen, damit wir sie als testfähig anzusehen uns erlauben.

    im anderen Fall, wo wir angeblich emotionsgeladene Bilder hochhalten, tappsen wir notwendig ebenso im Dunklen, wie die, die hier ihre Philosophie begründen wolen.

    – ich glaube übrigens, dass im Zweifel das Gehirn ganz ruhig und gleichmäßig schwach hellblau vorsichherleuchtet.

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    • Ja da ging einigen KEIN Licht auf.

      Was mich so frappierte: Da wurde gewissermaßen behauptet, diese Regionen blinken auf, wenn wir die Natur betrachten; und die Probanden lagen auf einer harten Liege in der MRT-Röhre und nicht in der Natur. Korrekt hätte es heißen müssen: Diese Region blinkt auf, wenn Probanden beengt in einer Röhre liegen, die dazu noch gewaltig Krach macht, und Bilder von der Natur gezeigt bekommen.

      Nicht mehr lustig fand ich es, als die erste Lehrerin unserer Töchter auf Nachfragen (muß man schon 2 Wochen nach der Einschulung mit Förderunterricht beginnen?) antwortete:
      Ja, das hat die Hirnforschung bewiesen. Je früher desto besser. Welche Lampe da wohl blinkte?

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  2. Hirnforschung erweitert

    Volle Zustimmung. Habe die epistemologische Sachlage in erweitertem Zusammenhange kürzlich auch gebloggt, zunächst anhand der fMRT-basierten „Voodoo-Neurowissenschaften“ von Cornelius Borck…
    http://undenkbar.blogsport.de/2016/06/19/neue-deutsche-behaglichkeit-bei-markus-gabriel/
    … und dann anhand der Tatsache, dass dabei nicht nur fundamentale Kategorienfehler begangen werden, sondern dass die fMRT-Apparatur zur Beobachtung auch viel zu invasiv ist in den zu beobachtenden Gegenstand: die menschliche Psyche. Doch auch mit der weniger invasiven Einzelphotonen-Emissionscomputertomographie (SPECT) in den Händen von Gelehrten mit Musikgehör, die der Sprache mächtig sind, zeigt sich…
    http://undenkbar.blogsport.de/2016/06/26/les-invisibles-auch-im-hirnscan-unsichtbar/
    …sozusagen nichts.

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  3. ich erinnere mich, wie enttäuscht ich vor nunmehr c.a. 20 Jahren gewesen bin. Eigentlich hätten doch die Prophezeiungen der Möglichkeiten von MRT und dergleichen eine hochinteressante philosophischen Diskussion auslösen müssen, was aber nicht passierte (vielleicht habe ich da etwas verpasst, jedenfalls, das ist meine These, war dazumals die Kenntnis der anglophonen Philosophie des Geistes (philosophy of mind) in Deutschland noch sträflich unterentwickelt, erst später finde ich bei erstem Hinschauen jetzt interessante Beiträge). Damals schon folgte ich einem Plan, der vorsah, das Agieren von Wissenschaftlern genau unter die Lupe zu nehmen. Denn wenn wir wissen wollen, was Wissen sei, wäre es doch am realistischen, die Wissenschaftler möglichst genau und gewissenhaft zu observieren, die doch ein ganz und gar unwahrscheinliches Wissen selbst über Lichtjahre entfernte Ereignisse angesammelt haben und so fort (was ich nicht mitbekam: Bruno Latour verfolgte etwa zur selben Zeit ein nicht unähnliches Programm).
    Was dann jedoch in populärwissenschaftlichen Publikationen zu lesen und hören war, enttäuschte alle meine philosophischen Hoffnungen. Der Unterschied zw. Explanans und Explanandum schien auf sträflichste Weise gar nicht erkannt zu werden: erklären die aufleuchtenden Regionen im Hirn mentale Ereignisse – oder finden wir in unseren mentalen Ereignissen eine „Erklärung“ fürs Aufleuchten in irgendwelchen Messungen?: Nein. Beides Mal nein! Über mentale Ereignisse haben wir praktisch Zero gelernt. Hier roch es doch sehr stark nach Kategorienfehlern !
    Eine kritische Diskussion jener ‚Katogerienfehler‘, wie ich jetzt herausfand, findet sich hier
    Die philosophischen Implikationen, welche jene MRT-Hoffnungen in sich bargen, scheinen also tatsächlich gar nicht so trivial zu sein. Aber zum Glück ist die Diskussion trotz deutscher Anfangsschwierigkeriten fortgeschritten, mal ´n Link .
    Hier wird die tatsächliche Existenz von mentaler „Illness“ infrage gestellt.

    Nur einkleiner Schritt zum Kaschmierischen Schivaismus, welcher ganz im Sinne eines ‚eliminativen Materialismus`‘, welcher mentale Ereignisse als inexistzent auffasst., durch Meditionserlebnisse deren Inexistzenz dem Praktiker täglich beweist.

    Etwas „far off“ – zugegeben. Aber danke, dass Du diese Diskussion erneut aufs tapet bringst !

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  4. „mentale Ereignisse“ existieren also weder für einen eliminativen Materialisten wie für einen kaschmierischen Schivaisten. Da ich aber einem Bruno Latourschen Wissensbegriff anhänge, finde ich, dass die schiviastische Wissensinterpretation, immerhin , was unser mentales Erleben betrifft, viel eleganter ist. (ziggevsches Wahrheitskriterium: man muss drüber lachen können).,

    Ich halte es für möglich, dass eine antike Philosophie (aus Indien) uns tatsächlich höchst interessante Fragestellungen präsentiert.

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