Aus Paselkes Nachlass

Melancholie

Ein altes, im Lauf der Jahre immer wieder baulich erweitertes Kinderkrankenhaus am Rand der großen Stadt. Diese bauliche Verschachtelung – aufgrund der Abstimmung der verschiedenen Epochen notwendig – führte dazu, dass man von einer normalen Station die Intensivstation nur über den Kellergang erreichen konnte. Fatal bei Ausfall des Fahrstuhls. Dann musste man über den Hof zu einem Seiteneingang laufen…

Eines Nachts bekam ein Kind einen Pseudocroup-Anfall. Und der Fahrstuhl war wieder einmal ausgefallen. Das Kind röchelte und litt. Die Schwester erkannte sofort die Gefährdung, nahm es, wickelte es ein und lief über den Hof zum Seiteneingang der Intensivstation. Was sie nicht wissen konnte: Die vorherigen Nächte waren Unbekannte über das Gelände gestrolcht und deswegen war ab 20:00 der Eingang verschlossen worden. Einen Schlüssel hatte man nicht an die Nachtschwestern verteilt. So stand sie mit dem akut kranken Kind vor der Tür und kam nicht hinein. Sie schrie, sie flehte, schließlich presste sie den Brustkorb des sterbenden Kindes, wie sie es auf einem Reanimationskurs gelernt hatte. Vergebens. In ihren Armen das Kind war tot. Unvorstellbar ist mir ihr Gesicht und sind mir ihre Gedanken, als die Tür sich endlich öffnete und der Arzt fragte, wer denn hier so einen Krach schlüge…

Legende vom Schiffbruch

Ein Schiffbruch zwang einst die Überlebenden auf eine einsame Insel. Auf dieser Insel war alles Notwendige in Hülle und Fülle vorhanden, Nahrung und Süßwasser. Dennoch kam des nachts das Heimweh und bohrte sich in die Gehirnwindungen hinein wie die Muschel in die Planken, nistete dort und gab wohldosiert seine Wirkstoffe ab.
Man gestand sich gegenseitig das Heimweh und einigte sich darauf, gemeinsam die Flucht vorzubereiten. Als hilfreich erwies sich das Überleben des Schiffszimmermanns. Und zugleich war ein geretteter Passagier ein Schiffsbauingenieur, so dass zum Bau eines Schiffes mehr als ausreichende Fachkompetenz vorhanden war. Alles ging zunächst gut vonstatten. Der Rumpf lag auf, wurde beplankt.
Aber die Neigung des Menschen zur Spekulation war auch auf der Insel nicht verkümmert. Und so bildete sich bald eine Gegenbewegung zum Schiffbauer, zur „übertrieben“ rationalen Sicht auf das Ganze: Federführend war der „Philosoph“ Schrieschrie. Er hatte in tiefer Versenkung erfahren, dass man genauso gut in einer Vollmandnacht nach Osten die Hüften schwingen könne, dann werde der Geist der Hoffnung kommen und alle heimwärts reiten. Freiheit gegen die Diktatur des Ingenieurs, so Schrieschrie im Kreis seiner Jünger.
Ein zwischenzeitliches Stocken der Arbeit – etwas, was immer passieren kann und was keineswegs ein Scheitern des Gesamtprojekts bewies – verstärkte diese „Lehre des Schrieschrie“, galt sofort als deren Beleg. Intellektuelle fanden sich, die von konkurrierenden, gleichwertigen „Narrativen der Wirklichkeit“ redeten. Der Ingenieur habe seine Sicht zu belegen und die absolute Sicherheit der Heimkehr zu garantieren. Als er nur von Wahrscheinlichkeiten sprach
Garantieren kann ich nichts. In der Wissenschaft gibt es Wahrscheinlichkeiten keine Garantien
, war es vollends vorbei mit der Einigkeit. Wahrscheinlichkeiten biete Schrieschrie auch. So die postmoderne Behauptung. Was sei schon Wirklichkeit, wenn die Möglichkeit winke. Und: Es gäbe „alternative Wirklichkeiten“, „gefühlte Wahrheiten“, deren Plausiblitäten nicht hinter Ingenieursrationalitäten zurück stünden. Zwei konkurrierende Metaphern der Wirklichkeit stünden zur Wahl, nichts anderes. Kein Grund, das eine wahrer zu nennen als das andere – so diese Intellektuellen ganz ohne Not oder Notwendigkeit. Und sie erhielten Beifall… Schließlich würfelten manche sogar aus, wie sie sich entscheiden sollten. 2, 4, 6 der Ingenieur – 1. 3, 5 Schrieschrie.

Wie die Geschichte ausging? Vielleicht so: Der Ingenieur und seine Truppe kamen nicht durch, das Schiff sank, diesmal war keine gnädige Insel in der Nähe. Und Schrieschries Gemeinde wurde gerettet, aber nicht aufgrund der vollmondlichen Hüftschwunggebete sondern durch die Kriegsmarine. Was den Geretteten zum Anlass wurde, Ingenieursweisheit zu verspotten und sich sowohl intellektuell als auch in lebenspraktischer Hinsicht überlegen zu fühlen. So stumpft die Reflexion das Denken.

flomed

Make reality great again!

Wenn es so etwas wie Wirklichkeit gar nicht gibt, wie kann man sie dann abschaffen? Aber genau das passiert ja gerade. Die Abschaffung der Wirklichkeit und der Ersatz des Abgeschafften durch eine Psychose, durch Verrücktheiten.

Diese Abschaffung ist dabei nichts anderes als der Existenzbeweis durch Zerstörung. Denn was man erst zerstören muss, damit es aufhört, hat zuvor notwendig existiert.

Make Reality great again!

Die Einrahmung

”…with a smile on the face of the tiger“

Wer den Tiger des Populismus reitet, kann bei diesem Ritt zunächst viel Spaßgewinn verbuchen. Das ist doch sicherlich aufregender als Bungeejumping. Er sollte aber wissen, dass dieser Spaß irgendwann ein Ende hat. Nämlich dann, wenn der Tiger Hunger bekommt. Und Tiger sind – auch wenn die Grünen es wahrscheinlich nicht wahr haben wollen – keine Vegetarier. Die wollen Fleisch. Die wollen ran, die wollen ihre Gegner verspeisen, so wie es ihnen jahrelang montags und auch an anderen Tagen versprochen wurde. Wer den Tiger reiten will, dann aber nicht mitessen möchte, landet schneller als er twittern kann im Tigermagen.

Es gibt für diesen Mechanismus in der deutschen Geschichte gewissermaßen einen Präzedenzfall: Es war einst ein konservativer Herrenreiter, der wollte Regierung sein. Dieser Herrenreiter war selbst unpopulär und nahm statt dessen einen begnadeten Populisten „mit ins Boot“, ritt also nicht mehr Rassepferde sondern den Tiger. „Wir haben ihn uns engagiert!” und „In zwei Monaten haben wir ihn in die Ecke gedrückt, dass er quietscht!“ soll der Herrenreiter gesagt haben. Sein Name sei verraten: Franz von Papen. Den Namen des Populisten und die Beantwortung der Frage, wer von den Beiden das Rennen machte – der Rassepferdreiter oder der Tiger – , schenke ich mir…

Der aktuelle Populist – der Herr Höcke – keineswegs Pöbel sondern Exponat dessen, was Thomas Mann die „trunkene Bildung“ genannt hat, dieser Herr Höcke will vor allem auch eines: Die vermaledeiten zwölf Jahre loswerden. Das ist alles hier schon verhandelt worden, vor fast drei Jahren (link hier) und ich stelle mit Blick auf die heutigen Verhältnisse fest, dass ich doch wenig zurück zu nehmen habe. Die Ressentiments, die der Nazi Höcke bedient, waren damals schon da und klar erkennbar. Nun will er, der konservative Revoluzzer, „ran an die Krippe, ran an die Macht und sonst gar nichts“ (Tucholsky). Und die „gemäßigten“ AfDler (gibt es die?) wollen auf den populistischen Sog nicht verzichten, fühlen sich sicher genug im Populistensattel. Ach, ich weiß schon jetzt, wer wen im Zweifelsfall abwerfen wird.

Zuletzt sei nur Paul Newman aus dem „Clou“ zitiert, um den politischen Verlauf der nächsten Jahre anzudeuten: „Die Kiste wird hart!“

 

 

 

Der Aluhut ist immer und überall…

Udo Ulfkottes Tod wird nicht der Tod der Verschwörungstheorie sein. Dazu ist der Bedarf einfach zu groß und wächst zu schnell nach.

Es gibt allerdings noch eine zweite Seite des Komplexes Verschwörungstheorien. Denn sehr berichtigtes, kritisches Denken über die Verführungsmacht der Verschwörungsideologie führt bei manchen leider ebenfalls zu merkwürdigen Ergebnissen. Nämlich der Gestalt,  den Aluhut von einer rationalen Nachfrage nicht mehr unterscheiden zu können. Da wird dann z.B. selbst die Frage nach der Rolle des Verfassungsschutzes bei den Fällen NSU bzw. Anis Amri zum Aluhutgerede gelabelt. Was soll diese Pseudodekonstruktion aus der Klipp-Schule? Und: Wem nützt das? Eine Frage ist eine Frage und keine „Theorie“.

Das Wittern einer Verschwörungstheorie hinter jeder kritischen Anmerkung ist übrigens selbst eine. Und nicht die geringste.

Den Aluhut hat im Zweiffelsfall ohnehin immer der andere auf.

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Der große Stumpfsinn

Die Sehnsucht nach dem Thrill und der Jammer am nächsten Morgen

Eines kann man der Gegenwart sicherlich nicht vorwefen: Dass sie langweilig sei. Die Sehnsucht so mancher, mit Hilfe stumpfsinniger aber realer Nervenkitzel dem öden Dasein zu entfliehen, wird dazu beigetragen haben und wird weiter dazu beitragen. Politik ist einfach besser geeignet, das kleine Dasein groß werden zu lassen, als Bungee-Jumping. Was? Der derzeitige, gesellschaftliche Irrsinn einzig eine Reaktion auf die Langeweile? Nun, nicht einzig. Aber einen Anteil hat dieser Mechanismus durchaus. Die wichtige Rolle der im übersatten Zustand erlebten und erlittenen großen Langeweile  in der Ätiologie des ersten Weltkrieges zum Beispiel war Thomas Mann schon klar. Enthemmte Überreizung mit finaler Explosion sollte der Langeweile Einhalt gebieten und sie tat es dann ja auch gründlichst.

Aktuell interessiert mich eine Frage besonders: Wie fühlt sich eine Gesellschaft im  Moment der Erkenntnis? Wenn ihr klar wird, dass ihre Sehnsucht nach dem enthemmten Thrill vor dem eigenen Dasein einen Verückten nach oben gespült hat? Den man erst ein mal nicht los wird? Für dessen irre Machtbedürfnisse man aber jetzt zuständig ist? „Der Wahn ist kurz, die Reu´ ist lang…“ das wusste schon Friedrich Schiller. Die Mahnung vor dem Kater nach dem Rausch war stets die letzte Wiese der Pädagogik. Und Pädagogik ist unsexy.

Für Spannung ist folglich weiter gesorgt, denn unsexy – jetzt kommt die Floskel des Jahrzehnts – unsexy, „das geht gar nicht“…