Eine Ode auf meinen Header

Das Schinderhannessonett

Ich lese in den Organen die wilden
Wahrheiten und singe dann blutige Lieder.
Denn als Augur ließ ich mich ausbilden
komme als Schwur auf die Krieger nieder

Ich glaube nicht an die letzten Gedanken
unter dem Fallbeil: Die Blende auf acht!
Als wir nach dem Schneiden den Tee austranken,
da haben Schinder und Hannes gelacht.

Denn forschende Geister haben Elektronen
an ihre Muskeln und Backen gehalten.
Sie grimassierten und bildeten Falten:
Die Zukunft wird dem Wahnsinn lohnen

Wir Käuze lauschen, wir hören die Pest!
(Den Würmern gehört der organische Rest)

schinderhannes_portrait

ANGRY WHITE MEN 1-4

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2008 ein dänischer Patient zu mir: Wissen Sie, Herr Finkeldey, wie wir in Dänemark Deutschland mittlerweile nennen? Nein?
Das Billiglohnland südlich von uns…

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Komisch: Immer wenn man erklärt, dass gesellschaftliche Perspektivlosigkeit ein zentrales Motiv der angry white men sein könnte, unterstellen einem andere (z.B. Jan Fleischhauer als Vorwurf gegen alle Linke), man wolle wohl mit „typisch linken“ Sozialstaatssegnungen alleine die Nazi-Welle aufhalten. Mehr Geld vergießen mache weniger Nazis, ganz linear 1:1. So denke es in einem.

Nö, das hat keiner behauptet. Und das Späti-Syndrom – also das Versenken der eigentlich als Kinderförderung gedachten Kohle im Späti – ist mir durch jahrzehntelange Berufspraxis sehr wohl bekannt. Aber das Späti-Syndrom ist ja Ausdruck dieser Perspektivlosigkeit.

Bis zu den Wahlen wird diese Perspektivlosigkeit nicht grundlegend umgesteuert werden können. Es wäre zumindest schon ein mal hilfreich, wenn man das Benennen dieser sehr grundlegenden Problematik nicht immer als unterkomplexen Wunsch nach mehr Kohle und damit als dümmlich und intellektuell minder bemittelt hinstellen würde.

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Gespräch im Speisewagen Herbst 2015. Ich setze mich höflich fragend zu einem ältereren, freundlichen Herrn mit Basballcap und dem „Cicero“ vor sich. Der beantwortet die Frage nach einem freien Platz mit Hilfe eines Goethe-Zitats. Da ich das Zitat fortsetzen kann, legt er die Zeitung weg.
Schnell demaskiert sich dieser ältere, freundliche Herr als Mitglied der AfD. In führender Position. Sein Denken wird immer klarer, eindeutiger. Fast nebensächlich, neben seiner Position zur gerade erfolgten Öffnung der Balkanroute und v.a. neben dem Offenlegen seiner Weltanschauung (worüber ich hier schon berichtet hatte), eigentlich nur in zwei Nebensätzen erwähnt er, dass „wir Deutschen“ ja „trotzdem“ die „Welt beherrschen“. Trotzdem? Trotz was?

Dann kommts:
„Und übrigens: Auch Donald Trumps Vorfahren kommen aus Deutschland.“ Herbst 2015. Man will kein Verschwöriker sein. Aber es kommt einem in der Nachschau wie ein Masterplan vor.

Ich musste dieses Jahr, erst recht nach dem 8. November so manches Mal an diesen älteren, freundlichen Herren denken.

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Ich komme mir wie Cato der Ältere in der ständigen Wiederholung des einen Satzes vor:
Wie sähe die politische Lage mit einer echten Wirtschaftskrise aus? Wie viele angry white men gäbe es dann?

Man denke sich, auch bei uns verlören ganze Landstriche ihre Häuser, die die politische Leitung ihnen zuvor noch als Alterssicherung schmackhaft gemacht hat. Nicht auszudenken.

Die Verachtung der Bratwurst

 

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So jetzt haben wir uns alle lange genug (lange? naja eine und eine halbe Woche) über die unbestreitbare Dummheit und Irrelevanz gewisser „Debatten“ und deren ebenso unbestreitbar ungute Rolle beim Hochkommen der Neuen Rechten aufgeregt. Zu Recht wie zu konstatieren ist. Aus den alten „Nebenwidersprüchen“ der 68er waren in den letzten Jahrzehnten Hauptthemen geworden. Das ehemalige Hauptthema, die soziale Ungleichheit, die Ausbeutung, geriet in Vergessenheit. Bei beiden Themen stimmt übrigens die Behauptung einer Automatik nicht. Weder löst die Auflösung des Hauptwiderspruches alle Nebenwidersprüche auf wie 1968 vermutet. Noch kann die Lösung linksidentitärer Fragen den sozialen Widerspruch lösen. Folglich stimmen auch die Vorsilben nicht. Das nur nebenbei: Jedenfalls führte diese einseitige Fokussierung auf die Identität zu einem massiven Kommunikationsproblem. Weite Teile der Bevölkerung erkannten sich nicht wieder. Dieses Unverständnis der Provinz wurde aber nicht als das angesehen, was es ist, nämlich als ein Aneinandervorbeireden. Vielmehr wurde es durch uns Städter als Ausdruck humaner Rückständigkeit gesehen. Teilweise wurde der Bratwurstgriller der Provinz regelrecht verachtet – und er verachtete zurück. Solche Stimmungen sind immer eine Einladung für Demagogen. Wer eine ganze Bevölkerungsschicht qua Vorwürflichkeitsdiskurs außerhalb der Gemeinschaft parkt, darf sich nicht wundern, wenn das rechte Sammeltaxi vorfährt. Und diesem schrecklichen Prozess wohnen wir ja gerade bei. Wie kam es zu dieser Verschiebung der Platten? Was war am Anfang?

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Im Anfang war 1990. Weltgeschichtliches passiert. Ein System, der real existierende Sozialismus, falliert gerade aufgrund innerer Tragunfähigkeit. Die politische und moralische Statik war dahin und man hatte als Linker damals zu akzeptieren, dass die Statik offenbar von Anbeginn ein wenig falsch berechnet gewesen war. Hatte Anfangs noch die Gegnerschaft des Sozialismus zu dem einen unbestreitbar Bösen des 20. Jahrhunderts, zum Nationalsozialismus, die wackelnde Statik ein wenig abstützen können, so war im geschichtlichen Verlauf auch diesem falschen Grund das Fundament zerbröselt. Wer selbst böse geworden war – vielleicht schon immer war? -, konnte sich dauerhaft nicht auf die Gegnerschaft zum Bösen berufen. Schlicht eine moralische Contradictio in adiectio.
Wilde Diskussionen schlossen sich an. Die Linke selbst auf der Anklagebank. Haben „wir“, die Westlinken, Anteil am Ende des Sozialismus oder hat das mit „uns“ nichts zu tun? Die Äquivalenz der Fragen zu heute sticht ins Auge. Und meine Antwort – damals wie heute – ist klar. Man HAT damit zu tun.
Somit meine Frage: Könnte das nicht eine der Ursachen für die tektonische Dynamik innerhalb der linken Diskurse gewesen sein? Eine durch 1990 narzisstisch gekränkte Linke suchte ein neues Betätigungsfeld und fand es in den bürgerlichen Brüchen der Identität? Was ja auch nicht unberechtigt war. Und zunächst fruchtbare Ergebnisse erzielte. Jedoch eines Tags, und der Tag der war blau…
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Ja, eines schlönen, blauen Tages musste doch selbst der hartgesottenste linke Diskursler erkennen, das da irgend etwas nicht so ganz nach Plan lief mit seinen „Diskursen“. Denn ebenfalls äquivalent zu 1968 sah man auch nun im kulturell explorierten Umfeld allüberall den Faschismus sprießen, auch da, wo er objektiv nicht anwesend war. Da reichte dann der Verzicht auf Gender-Suffixe und ein bischen Schweinefleischverzehr, um durch eine Diskurspolizei außerhalb menschlicher Zusammenhänge gestellt zu werden. Ich erspare mir wie den Lesern eine Aufzählung der teilweise grotesken Fälle. Eine polemische Übertreibung, sicher, aber so falsch?

Und noch eine Äquivalenz zu 1990 fällt auf: Die damals zu beobachtende Verachtung der DDR-Bevölkerung durch Westlinke (Die haben unseren sozialistischen Traum kaputt gemacht!) hat eine heutige Entsprechung. Das Sachsen-Bashing.

Wie es weiter geht, weiß niemand. Diese gegenseitige Verachtung Stadt versus Land, Ost versus West zurückzuschrauben, dauert Jahre. Ein zutiefst gespaltenes Land. Eine falsch justierte Einheit. Mit falschen Justierungen links wie rechts (zu rechts siehe hier). Derweil nehmen ganz andere Gegner diese Demokratie ins Visier. Gefährliche Gegner, das neue Böse. Und machen den Keil, den auch wir (ohne Anführungszeichen) geschlagen haben, zum Hebel.

Als ich als blutjunger Mann 1990 erlebte, las ich Heiner Müller. Der sagte damals: Das Ende der BRD werde er nicht mehr erleben. Ich war mir sicher, dass ich das auch für meine Lebensspanne sagen konnte. Ein historischer Umsturz reicht. Imperfekt: Ich war mir sicher…

wurst

2017

wird es einen Angriff der Rassisten auf die Demokratie geben. Da ist klug vorzugehen und persönliche Befindlichkeiten sollten hinten anstehen. Vor allem die bei Linken so beliebten Diskurseigentore sind zu vermeiden.

Wer beispielsweise mit Gender-Suffixen oder dritter Klotür als „Agenda“-Thema kommt, wird von Petry und Höcke gnadenlos zusammengefaltet wie die PET-Flasche im Pfandautomat. „Ach, Hans und Paula aus Hoyerswerda öffnen am Ende des Monats die Tür nicht mehr, weil sie Angst vor Pfändung haben, aber ihr habt Geld für dritte Klotüren!?!“ Wieder 1 % mehr für die AfD, übertreibe ich jetzt mal…. Das nenne ich so ein Diskurseigentor und – ja, meinetwegen – das ist ein wenig auf das „Volk“ zugehen, wenn ich so etwas sage. Aber ich denke, es muss sein.

Außerdem: Rassismus unterläuft die Conditio humana, das Fehlen einer dritten Klotür nicht. Gegen mörderischen Rassismus gerechnet ist die dritte Klotür wirklich scheißegal.

Thomas Mann

am 3./4. Dezember 1936 an seinen Sohn Klaus über seine Eindrücke beim Lesen des Romans „Mephisto“:

„Mit Mielein [Katia Mann, geb. Pringsheim, HF] stimme ich darin überein, daß das Gelungenste und kritisch-erzählerisch Glänzendste die Schilderungen aus dem Berliner Theater- und Literatenleben von vor dem Umsturz sind. Aber freilich muß man sich gerade unter dem Eindruck dieses witzigen Bildes fragen: Wenn es so war, so albern und so korrupt, konnte es dann so fortgehen, und mußte nicht etwas anderes kommen, vielleicht notwendig das, was kam? Diese Frage ist gefährlich, und der Republik geschieht doch wohl unrecht damit.“

thomas-mann

Diese Fragen sind auch heute zu stellen. Wenn unsere „Debatten“ (die diesen Namen doch wohl nur in dickste Anführungszeichen eingekleidet verdienen) etwa über Kinderbuchübersetzungen, Gender-Suffixe oder vegane Ernährung so „albern und so korrupt“ sind, wie sie sind, und mit so verrückter Vorwürflichkeit geführt werden – hier wie auch drüben auf der anderen Seite des Atlantks – , und wenn weiterhin diese Anklage-„Debatten“ einzig wahrgenommener Ausdruck einer sonst zunehmend rein dysfunktionalen und öden Demokratie sind, ist dann nicht eine fatale Entwicklung der politischen Landschaft folgerichtig? Muss dann „nicht etwas anderes kommen, vielleicht notwendig das, was kam“?

Anstatt hierauf gleich wieder pawlowartig mit social-media-Schlagworten (Eliten-bashing, Minderheiten-Bashing, Abgehängte usw.) zu „antworten“, wäre eine mehrminütige Denkpause sicher sinnvoll.

Wir wollen doch hoffen, dass der Republik, der Demokratie insgesamt „unrecht damit“ geschieht. Aber ganz sicher bin ich mir nicht. Mir kommen diese aufgezwungenen „Debatten“ genauso vor wie der aufgezwungene „Antifaschismus“ der DDR, dessen initial aufklärerischer Impetus zur Rechtfertigung von Unrecht und Distinktion wurde. Und der deswegen ja bekanntlich folgenlos verhallte.

Acht Jahre Unterschied

2008 – Yes, we can!

2016 – the Trumpet can!

Dazwischen liegen acht Jahre. Es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass sich in diesen acht Jahren die Bevölkerung eines Landes grundsätzlich ausgetauscht hat. Stichhaltiger ist hingegen die Annahme eines zutiefst gespaltenen Lands, dessen eine Hälfte sich 2008 mehrheitlich ausdrückte, während 2016  die andere Hälfte jubelt.

Aber noch etwas fällt auf: 2008 war eine fast messianische Erwartung an Barack Obama in der Luft. Yes, we can! Barack Obama sprach die an, die bis dato keine Stimme hatten und nie angesprochen wurden. Ein revolutionärer Vorgang, denn alle Revolutionen sprachen „die im Dunklen“ an, die vorher Unsichtbaren. Irritierenderweise ist das 2016 von der anderen Hälfte aus gesehen genauso und Donald Trump hat das instinktsicher auch sofort erkannt. Sein erster Tweet nach dem Sieg lautete:

„Such a beautiful and important evening! The forgotten man and woman will never be forgotten again. We will all come together as never before“

Genau das ist die Sprache des messianischen Revolutionärs. Ich, der Revolutionär Donald Trump, hole die Vergessenen ans Licht. Freilich ist es diesmal eine Revolution ohne Idee, eine Revolte mit rassistischem Zungenschlag, gegen die Vergessenen des Jahres 2008. Diesmal jubelt eine ganz andere Gruppe von Gläubigen dem ganz anderen Heilsbringer zu. Wie gesagt: Eine Revolte ohne Idee! Vor nichts aber muss man mehr Angst haben als vor einer Revolution „ohne Idee, gegen die Idee“ (Thomas Mann). Mein Gott –

Quo vadis Tellus?

tellus