Ein neuer Header

war nach einigen Jahren indiziert. „Geklaut“ habe ich ihn dem Fotografen Stephan Noé. Überdies war der alte Header – Werk der Fotografin Judith Noé – durchaus umstritten, wie man im about nachlesen kann.

Um den „Neuankommlingen“ hier eine Vorstellung der damaligen Diskussion zu geben, sei der alte Header noch einmal dokumentiert. Urteilen Sie selbst, ob so etwas ging, so etwas geht. Für mich ist die Lage klar: Wer lebt, der produziert Abfall und muss dessen Anblick auch ertragen können. Der Rest ist Text.

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Martin Walser – eine späte Lobrede

„Für Martin Walser, der behauptet, meine Lobreden seien keine Lobreden” (Widmung des Buches Lauter Lobreden von Marcel Reich-Ranicki)

„Ich habe es nie für möglich gehalten, die Seite der Beschuldigten zu verlassen.” (Martin Walser in der Paulskirche)

Walsers Friedenspreisrede 1998 wurde beklatscht, bejubelt, als befreiend empfunden. Und heftig kritisiert. Aus heutiger Sicht vielleicht ein wenig zu heftig.

Zunächst! Wenn ich „befreiend” schreibe, ist sofort nachzufragen: Wovon befreiend? Und schon ist man im Thema und in der Rede. Und bei dem Anlass der Kritik. Walser wusste, dass er vermintes Gelände betritt und sagte damals schon, er spreche „vor Kühnheit zitternd”. Zwei Punkte erscheinen mir heute noch schwer zu verteidigen: Die angebliche „Dauerpräsentation unserer Schande” und die Unterstellung, es würden „Meinungspolizisten” ihn und andere mit „vorgehaltener Moralpistole” in den „Meinungsdienst” zwingen. Das sind jeweils Argumentationsfiguren, wie sie heute nicht groß anders von der politischen Rechten vorgebracht werden, die angeblich im linksdominierten Medienjoch eingespannt sind, besser sich eingespannt fühlen. Es ist kein Wunder, dass ausgemacht diese Aspekte der Walserrede von AfDlern gern und ausgiebig ziteirt werden.

Die Kritik an der „Dauerpräsentation” gab es damals schon von Henryk M. Broder: Was hindere ihn, Martin Walser, daran, von „Guido Knopp auf Guildo Horn” umzuschalten. Und Marcel Reich-Ranicki schrieb über die „Meinungspolizisten”: „Wo sind diese Meinungssoldaten? [..] Ich kann sie nicht ausmachen.” In seiner Autobiographie monierte MRR, in Walsers Rede wimmele es von „Beschuldigungen, denen die Adressaten fehlen…” Das ist immer gefährlich, weil solche Vorwürfe Assoziationsräume öffnen, die jeder nach Gusto und ideologischer Vorprägung betreten kann. Wie oben schon erwähnt, tut das die AfD mit diesem Teil der Rede sehr ausgiebig.

Aber Walser hat viel mehr gesagt und das ging ein wenig unter:  „Könnte es sein, dass die Intellektuellen, dadurch, dass sie uns die Schande vorhalten, eine Sekunde lang der Illusion verfallen, sie hätten sich […] ein wenig entschuldigt, seien für einen Augenblick näher bei den den Opfern als bei den Tätern? Eine momentane Milderung der unerbittlichen Entgegengesetztheit von Tätern und Opfern.” Und dann folgt der oben schon zitierte Satz von der Unmöglichkeit, die Seite der Beschuldigten zu verlassen. Was ist hieran falsch? Nichts.
Hier trifft sich Walser mit Broder, der auch damals schon zu ähnlichen Befunden gelangte, als es um den merkwürdigen, aus konservativen Schichten kommenden Philosemitismus der 90er Jahre ging, der bizarrsten, historischen „Entlastungsoffensive”(Broder), die ich bis dato mitbekommen habe. Ist es verwunderlich, dass dieser bizarre Philosemitismus mittlerweile im AfD-Gewand auftaucht?
Und zu leugnen, dass das deutsche Jahrhundertverbrechen zur Durchsetzung vordergründiger Ziele als „Argument” eingesetz wurde, also instrumentalisiert wurde und wird, kommt mir heute nur noch grotesk vor. Genau das hatte damals Walser als einer der ersten in einem höchst offiziellen Rahmen zu sagen gewagt.
Schließlich stellte Walser den Wert eines öffentlich zur Schau gestellten Gewissens in Frage. Zu erinnern wäre an den Betroffenheitskult, ohne den damals nichts ging, was offizielles Gedenken genannt werden wollte. Walser dazu:
„Ein gutes Gewissen ist keins. Mit seinem Gewissen ist jeder allein. öffentliche Gewissensakte sind deshalb in der Gefahr, symbolisch zu werden.”
So ist es. Und deswegen spende ich leicht verspätet doch noch Beifall einer Rede, die nicht nur, aber eben auch Beifall verdient hat.
Falls er diesen kurzen, dezidierten Text über seine Rede überhaupt wahrnimmt, so hoffe ich doch, dass Walser in ihm eine versteckte Lobrede entdecken kann.

Porträtplastik_Martin_Walser

Aus Paselkes Nachlass 2

Trost

Ein nach einem Sturz von der Hochbettleiter in seiner Verletzung Gefangener, unfähig sich zu bewegen aber noch bewußtseinsklar, sieht schmerzgeplagt auf dem Boden liegend den aufgeklappten Laptop und dort dann endlich – es spielt von der Hochebene her schon der siebte Song der CD – die lang ersehnte Antwort aufpoppen.