Brecht ist Brecht…

…und Mann ist Mann
zu große Schuhe ziehe ich mir nicht an.

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Wer einen Schriftsteller kritisiert, der muss ihn stark machen. Thomas Mann mit seinen „Betrachtungen“ zu kritisieren ist genauso billig wie den Brecht der furchtbaren „Maßnahme“ oder Joyce mit seinen durchschnittlichen Gedichten.

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Bei Brecht findet sich aber früh, schon in „Mann ist Mann“ etwas, das in dieser Deutlichkeit vor ihm nur wenige gesagt haben: Die Möglichkeit des Herrn Jedermann, diese Welt als Mörder zu verlassen.

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„Wir können – wenn wir nicht über ihn wachen
ihn uns über Nacht auch zum Mörder machen“

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Herrn Jedermanns Fähigkeit zu morden versteht Brecht dabei rein aus der Zeitgenossenschaft. Das ist die bitterste Erkenntnis des 20 Jahrhunderts: Menschen, die in ruhigeren Zeiten die unauffälligste Bausparkassenexistenz geführt hätten, zogen mordend durch die Geschichte, um dann nach dem Ende des Rausches wieder in die Bausparkasse einzuzahlen. Genau diese Brüchigkeit der Existenz meinen diese Zeilen:

„Herr Bertold Brecht hofft; Sie werden den Boden, auf dem Sie stehen
Wie einen Schnee unter sich vergehen sehen
Und werden schon merken bei dem Packer Galy Gay
Daß das Leben auf Erden gefährlich sei“

 

(Epilog zum 60-ten Todestag Bertold Brechts:

Herr Bertold Brecht zeigte also früh, dass jedermann
zum gedungenen Mörder werden kann)

1961

hatte Friedrich Dürrenmatt die Aufgabe, einleitende Worte zu einer Lyriklesung mit Günter Grass, Ingeborg Bachmann, Karl Krolow und HM Enzensberger im Züricher Schauspielhaus zu sprechen. Er begann folgendermaßen:

 

„Der Mensch muß sich dem Menschen vorstellen, sogar die Wilden murmeln ihre Namen, bevor sie aufeinander losstechen…“ 

(Friedrich Dürrenmatt: „Autorenabend im Züricher Schauspielhaus“ aus dem Band 26 der WA in 30 Bänden p 114, © 1986 by Diogenes Verlag AG)

Glück für den Fritz: Damals gab es noch keinen shitstorm.

Flüchtende,

Geflüchtete (FlüchtLinge von mir aus) als Katalysator für Neu-Rechts. Sicher. Diese Zusammenhänge bestehen. Jede Gesellschaft ist herausgefordert, die eine solche große Zahl an Menschen neu zu integrieren hat. Man denke an die benötigten Wohnungen, an die Ausbildungs- und Arbeitsplätze. Wer das leugnet, die Integration als zu leistende Selbstverständlichkeit hinstellt und jede kritische Nachfrage als dummrechtes Gerede denunziert, nun, wer das unreflektiert tut, muß sich fragen lassen, ob es in seiner ererbt-erworbenen Dachgeschoßwohnung in Berlin-Mitte nicht doch durchregnet. Geerbter Dachschaden gewissermaßen.

Aber da sind noch andere Zusammenhänge. Nicht die große Fluchtbewegung aus Nah-Ost alleine katalysiert die rechten Bewegungen Europas. Sondern auch das Dachgeschoß selbst. Denn es ist als Frucht eines leistungslos erworbenen Erbes Ausdruck der tiefsten Ungerechtigkeit unser Gesellschaft. Mit einem sich ständig selbst wertsteigernden Erbe ausgestattet lässt es sich trefflich auf die im Plattenbau hausenden AfD-Wähler mit Mindestlohngarantie schimpfen. Besser-Bio rümpft die Neese. „Das kommt: Sie haben schon gegessen“ (Brecht). Genau gegen diese Eliten, die es leistungslos und undemokratisch geworden sind, richtet sich auch die AfD-Wut. Und mir fällt diesbezüglich so langsam kein Gegenargument mehr ein. Denn es stimmt zwar nicht der Inhalt des Briefes („Flüchtlinge sind schuld“) sehr wohl aber die Adresse.

Ja, diese neue Erbenelite ist ein Ausdruck tiefster Ungerechtigkeit und damit zusätzliches Benzin für die AfD. Schon Konrad Adenauer kannte in seiner Regierungserklärung von 1949 den großen Treibstoff für rechte Bewegungen und sagte über die gesellschaftlich-berufliche Durchlässigkeit als Antwort auf die rechten Verlockungen:“Auf die Betonung dieser Aufstiegsmöglichkeiten legen wir den größten Wert.“ 60 Jahre später kann kaum ein Arbeitnehmer in seinem gesamten Erwerbsleben so viel verdienen, wie eine geerbte Dachgeschoßwohnung innerhalb weniger Jahre an Wert gewinnt.

Tut mir furchtbar traurig aber: Für Besser-Bio-Erben aus Berlins Mitte oder anderswo, die diese Zusammenhänge nicht sehen wollen, gilt Adornos Wort von den Gegnern der Nazis als das größere Problem.

Merkel muss weg!

Die hat schließlich vor 18 Jahren die Geburt des Täters nicht verhindert. Die war doch mal Familienministerin, oder? Wie kommt der Kerl eigentlich dazu, geboren zu sein und dann auch noch akzentfreies Deutsch zu reden? Die Schwein! Mittie dunkle Augen! Und so! Und überhaupt: Das ganze Kaffapack da unten soll bleiben, wo es nicht herkommt!

Deswegen ganz klar: Merkel muss weg! Und alle anderen, teddybärverteilenden Gutmenschen auch.

(Die genaue Ursachenaufarbeitung des Münchener Anschlags durch Hobby-Kriminologen der AfD gibt es übrigens unter #merkelsommer auf twitter.)

 

merkel2

 

 

 

Philatelistische Erinnerung zum 20. Juli

:

 „…die Römer waren Tyrannenfresser…“ (Heinrich Heine) 

 

deutscher-widerstand-briefmarkenblock

 

 

Hier ein paar deutsche Römer auf einem bundesrepublikanischen Gedenkblock. Es fehlte allerdings damals – 1964 – Georg Elser. Soweit war man noch nicht: Einen fraglich kommunistischen Kunstschreiner neben Stabsoffizieren und kirchlich Orientierten zu ehren. 2003 gab es dann endlich die Sondermarke zum 100-ten Geburtstag Elsers.

ORLANDO/NIZZA – GERMANWINGS

Ein verpfuschtes Leben, Scheidung, Gewalt in der Ehe, Gewalt bei Bagatellen – beim Streit um einen Parkplatz zum Beispiel, Alkohol und immer mehr Drogen. Das Ende dann die selbstmitleidige Anklage der Welt: Du, Welt, bist Schuld an meiner Lage! Und das Angebot der Dschihadisten, mit dem nun notwendigen Suizid noch etwas gutes zu vollbringen. Deswegen das Fehlen irgendwelcher Spuren zu islamistischen Internet-Plattformen fast bis zuletzt.

Solche Täter findet man nicht über Geheimdienste. Denn der erweiterte Suizid, der Amoklauf ist das Primäre, nicht Politik. Wenn der Germanwingspilot Mohammedaner gewesen wäre, hätten auch sicher manche Terror“experten“ von einem „islamistischen“ Terrorakt gesprochen. So blieb der Welt nur die nackte Wahrheit. Die klinische Wahrheit. Die erschreckende Wahrheit aus dem Psychiatrielehrbuch. Und aus dem Lehrbuch der Toxikologie: Die Stoffe, die schließlich jede Form auflösen…

Wie hilflos wirken da die Versuche, die Motive solcher Leute aus den Suren heraus zu lesen.